Die Neal Schon Story – Part II oder wie man einen Sänger loswird

Wie man einen Sänger loswird – Herbie kann es!

Journey_Manager Herbie Herbert

Wenn man Journeys bzw. Schons Musik nach langer Zeit erneut hört, dann entstehen Assoziationen. Bei fast allen kenne ich eigentlich noch den Ablauf auswendig. Gänsehaut überkam mich beim Wiederhören oft. Während das erste Album „Infinity“ der Steve Perry- Ära, das ohne Zweifel zu einem Alltime-Klassiker geworden ist, noch durchging, vermisste ich beim zweiten „Evolution“ schon teilweise diesen progressiven Ansatz der ersten drei Alben. Aber der Reihe nach. Die Neal Story ist eng mit Steve Perry verbandelt.

Es bereitete der Band keine Schwierigkeiten einen Sänger zu finden. Man engagierte zunächst Robert Fleischman, von dem Konzert-Promoter  Barry Fey empfohlen, obwohl Steve Perry 1976 schon angefragt hatte: … „ a long haired Portuguese tenor with  the look of a baby-faced Wayne Newton, had been around asking if the band needed a singer.”(Rolling Stone, June 1980)

Robert Fleischman ganz rechts

Robert Fleischmann (immerhin Mitkomponist von “Wheel In The Sky”, „Anytime“ und „Winds Of March“), passte einfach nicht zur Band. Sein Auftritt bei einem Journey-Konzert von 1977 zeigt dies deutlich (siehe youtube clips weiter unten). Er wirkt mit seinem aufgesetzten, zappeligen Gehabe irgendwie wie ein Clown, der sich affektiert in den Vordergrund spielen will. Herbie Herbert hörte kurz nach Fleischmans Engagement ein Tape von Steve Perry, war total begeistert und sagte ganz offen, dass man Fleischman loswerden müsse und „ we gotta get this guy (Steve Perry)“. Herbie musste nicht lange auf eine Gelegenheit warten. Eines Konzertabends beschwerte sich Fleischman darüber, nicht genug Spotlight zu erhalten. Herbie antwortete kurz:“You ´re gone. Adios.“

Auf „Infinity“ wurde die Tenor-Stimme Perrys geschickt in die voll durcharrangierten Songs integriert, veredelt  durch  die nun typischen Chorsätze von Rolie, Valory, Schon und Perry. Wie man auf dem 77er Fleischman-Auftritt hört , standen schon weitgehend die Arrangements. Der Produzent Roy Thomas Baker (siehe auch Queen) gab Journey einen neuen Sound: griffige Melodien, einprägsame Refrains und mehrstimmige Gitarrenchöre, die ins Ohr gingen. Die mitsingbaren Gitarrensoli wurden zu Neals Markenzeichen.

Perry und Schon waren ( auch im Verbund mit Greg Rolie) kompositorisch ein ganz großes Team, eine ideale Symbiose. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Ross Valorys Bass, Dunbars Schlagzeugspiel und Rolies Hammondorgel einen großen Beitrag zum Gesamtwerk beisteuerten. Komponiert wurde in vielen Fällen mit Akusikgitarre (Neal) und Bass (Perry), nicht selten während langer Fahrten im Tourbus oder bei Rehearsals vor den Auftritten. (Time 3 Booklet)

Anspieltipps

Lights Hendrix-artiges Rhythmus-Chording, wunderbares Solo, der Song wurde ein San Francisco Favorit,

Feeling That Way: Beispiel dafür, wie gut sich die Stimmen Perrys und Rolies im Wechsel so stimmig ergänzten, Stilprägend der gewaltige Chorgesang der Band, der auch live locker bewältigt wurde.

La Do Da rockiger Titel, der an die ersten drei LPs erinnert.

Patiently  wunderbarer Song von Perry und Schon, einfühlsame Stimme von Schons Nylon-Gitarre begleitet und später rockig fortgeführt, um wieder zu den Ausgangsharmonien zurückzukehren.

„Wheel In The Sky“ – 8 Wochen in den amerikanischen Charts; schönes, wohl bekanntes, fast klassisches Gitarrenintro, griffiger Refrain mit Chorgesang, an dem sich viele Top 40 Bands die Zähne ausgebissen haben, und natürlich ein einprägsames Neal Schon -Solo

„Winds Of March“ – hat mir immer mit am besten gefallen, schönes Nylon-String-Intro, einfühlsamer Gesang, der unter die Haut geht, im Refrain mehrstimmige Gitarrenchöre; unerwartet dann der rockige Mittelteil, der ein wenig an Queen erinnert. Erst ein Hammond-Orgel-Solo und dann glitzert Neals Gitarre – sein kurzes Solos endet in mehrstimmigen Gitarrenchören.

In der „Guitar Player-Ausgabe vom August 2001 verrät Neal einiges zu den Aufnahmen von „Infinity“:

Über das Solo in “Feeling That Way”: „I played my 63 Strat through an old 100 Watt Marshall Plexi. There was a long hallway in the studio, our producer Roy Thomas Baker put the amp way dow at one end. He used one mic  close and one as far back as he could place it….. When I listen to the solo now, it sounds like I unconsciously stole the beginning from Elvin Bishop´s “Fooling Around And Fell In Love”. The rest of it sounds like stuff I got from Eric Clapton.”

“Lights”: “ I like the solo because it shows my Hendrix and blues influences. It wasn´t composed- I just winged it. I used my 63 Strat on this solo, as well.”

Soweit ich weiß, hat er durchgängig auf dem ganzen Album die 63er Stratocaster verwendet.

Hier nun einige Videos zum „Infinity“-Album.

Journey – Feeling That Way (Official Video – 1978) – YouTube

Journey – Lights (Official Video – 1978) – YouTube

Deutlich wird das geniale Zusammenspiel der Band in den vielen Videos  der 70er Jahre.

Wahrscheinlich einer der ersten Live-TV-Auftritte im „Midnight Special“. Witzig die Vorstellung der Band durch Ross Valory. Unglaublich wie tight und voll die Band klingt. Neal spielt hier ein Les Paul Custom mit drei Pickups. Exzellent. Ab 12:00 fade out Solo von Neal. Es folgt “Patiently”, Neal zunächst an der 6-saitigen Guild-Jumbo-Gitarre plus Perrys Falsett-Gesang. Erstklassig. Die Überleitung in den rockigen Teil schnörkellos mit parallelen Gitarre- und Gesangslinien. Melodiöses Neal Solo. Energiegeladen dann La Do Da. Pure Energie. Aynsly Dunbar war eine Wucht am Schlagzeug.

Midnight Special 1978 Journey – YouTube

Ein Konzert von 1978

Journey – Full Concert – 06/10/78 – Capitol Theatre (OFFICIAL) – YouTube

PBS Soundstage mit Albert King und Live-Auftritt von Journey mit einigen Titel der Frühphase und „Infinity“-Titeln; Neal spielt bei den Journey-Titeln ein schwarze Les Paul Standard, wahrscheinlich da sie fetter klang als die Stratocaster. Die klingt bei der Blues Jam mit Albert King und Luther Allison ziemlich dünn.

Journey – PBS Soundstage (1978) – YouTube

Noch zwei Videos. Journey spielt im ersten Video Stücke von den ersten drei LPs. Bild- und Soundqualität sind grottig. Selbiges gilt für das Stage-Gehabe von Robert Fleischman.

Journey Live 1977 Part 1 – YouTube

Journey LIVE 1977 part 2 – YouTube

In Youtube Part 3 ab 14:00 versucht sich Fleischman gesanglich am mitkomponierten „Wheel In The Sky“. Hier wird deutlich, auch hinsichtlich der Bühnenpräsenz, dass Steve Perry eine ganz andere Liga war.

Journey live 1977 part 3 – YouTube

Journey live 1977 Part 4 – YouTube

Journey live 1977 part 5 – YouTube

Interessant bei den Clips , dass die „Infinity“-Songs von der Struktur schon ziemlich standen. Also kurz darauf später muss es dann mit Steve Perry ins Studio gegangen sein.

Tour

Mit dem Radioairplay, Radio Werbung, Chartplatzierung und Anzeigen in Musikmagazinen ging es eine 172 Stationen umfassende USA- und Europa-Tour. „Infinity“ erreichte Platin-Status. Das Folgealbum „Evolution“ brachte „Journey“ mit “Loving, Touching, Squeezing“ zum ersten Mal in die Top 20 der USA Charts und natürlich als Headliner in die großen Arenen.

Evolution – das zweite Album aus der Trilogie

Roy Thomas Baker produzierte auch „Evolution“, neu am Schlagzeug Steve Smith.

Anspieltipps:

Evolutions erster Track „Majestic“ – ein kurzes Instrumentalstück mit üppiger Chorarbeit, wurde bei den Live-Konzerten immer vom Band eingespielt.

„Sweet And Simple“ – wunderbarer langsamer bluesiger Titel, auf dem Steve Perry einmal mehr seine extravagante Gesangskunst zeigen kann, besonders bei  2:40. Wunderschön Neals gekonnte Rhythmusgitarre mit wunderschönen Melodiebögen und eingängigem Solo, super A-Capella-Gesang zum Ende hin. Perry schrieb den Song fünf Jahre vor seinem Engagement bei Journey “while contemplating the beauty of Lake Tahoe”. (Time 3 Booklet)

„Just The Same Way“ – der Titel hätte auch auf der dritten „Journey“-Platte „Next“ sein können. Steve Perry und Greg Rolie im Wechselgesang. Neal Schon über den Song im „Guitar-Player“ in der August-Ausgabe von 2001:

„Ross Valory actually came up with the melody at the beginning. I couldn´t figure out how to start the solo, and he hummed that part. I played his line and improvised from there. That was a first take. I played my black Les Paul Pro through a Peavey Mace amp.”

“Do You Recall” – fast denkt man an die Melodie eines Kinderliedes, der Anfang und die Strophe unterliegen einfachen Akkorden, harmonisch  dann ein Meisterwerk die Bridge mit tollem Chor und mehrstimmigen Gitarren, die Gitarre schließt gekonnt an den Falsett-Gesang an und führt ihn als Solo fort. Chapeau Neal.

„Departure“ – Schlussalbum der Trilogie

„Any Way You Want It“ – einer der wohl bekanntesten Songs. Von Schon und Perry im Bandbus komponiert. Typisches Neal Schon Solo. In Amerika nicht selten zu hören von New York bis Nashville. Ein Muss für Coverbands in Nashville und New Orleans.

(1) JOURNEY – YouTube

“Where Were You” mit rockigem Neal Schon-Intro. Geschrieben nach der Tour mit ACDC im Vorprogramm und Neal meinte: “You can´t help being influenced by a band like that.”

“Line Of Fire” – typisch Neal Schon mit Revolver-Schuss zum Ende, eine Idee Steve Perrys.

“People” – Neal singt Lead, tolles Gesangsarrangement

“Walks Like A Lady” – Rhythm und Blues-Titel, mit schönen Stratocaster-Sounds. Neal erinnert sich, dass er die Rhythmus- und Soloparts mit ganz leisem Peavey Mace-Verstärker eingespielt hätte. Das Solo war ein One-Take. Steve Smith übrigens hier an den Jazz-Besen.

Die Veröffentlichung von „Departure“ und die anschließende Welttour läutete leider auch den Abschied von Greg Rolie ein. Schade! Seine Stimme, besonders auch sein Backgroundgesang mit Ross Valory zusammen, und sein Orgelspiel machten einen Großteil des Journeybandsounds aus.  Schön, dass CBS 1981 eine Live-CD der Departure Tour veröffentlichte. Sie gibt einen guten Liveeindruck der drei LPs mit Perry wieder. Auf dem bisher unveröffentlichten Stück „Dixie Highway“ blitzt das starke Zusammenspiel und  die Spielfreude der Band auf. “Dixie Highway” entstand wieder einmal im Bandbus auf dem Weg nach Detroit auf besagten Highway.

JOURNEY ~ LIVE ~ 1980 ~ “DIXIE HIGHWAY” – YouTube

Literaturhinweise

Fachblatt, 1980

Rolling Stone June 1980

Time 3 Booklet, San Francisco 1992

Guitar Player August, 2001

Gitarre & Bass, Juli 2001

Gitarre & Bass Juni 2005

Rock It , März 2005

Neal Schon über Neal Schon von Stev Rosen (Fachblatt 1983?)

Good Times, April 2008

Guitar Player, July 1989

Journey von Fleesh Fischer, Zeitungsartikel von 1980

John Stix, Neal Schon von Journey

Guitar Heroes II, 2007, guitar magazine

Fortsetzung folgt!

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