Die Neal Schon Story – Part II oder wie man einen Sänger loswird

Wie man einen Sänger loswird – Herbie kann es!

Journey_Manager Herbie Herbert

Wenn man Journeys bzw. Schons Musik nach langer Zeit erneut hört, dann entstehen Assoziationen. Bei fast allen kenne ich eigentlich noch den Ablauf auswendig. Gänsehaut überkam mich beim Wiederhören oft. Während das erste Album „Infinity“ der Steve Perry- Ära, das ohne Zweifel zu einem Alltime-Klassiker geworden ist, noch durchging, vermisste ich beim zweiten „Evolution“ schon teilweise diesen progressiven Ansatz der ersten drei Alben. Aber der Reihe nach. Die Neal Story ist eng mit Steve Perry verbandelt.

Es bereitete der Band keine Schwierigkeiten einen Sänger zu finden. Man engagierte zunächst Robert Fleischman, von dem Konzert-Promoter  Barry Fey empfohlen, obwohl Steve Perry 1976 schon angefragt hatte: … „ a long haired Portuguese tenor with  the look of a baby-faced Wayne Newton, had been around asking if the band needed a singer.”(Rolling Stone, June 1980)

Robert Fleischman ganz rechts

Robert Fleischmann (immerhin Mitkomponist von “Wheel In The Sky”, „Anytime“ und „Winds Of March“), passte einfach nicht zur Band. Sein Auftritt bei einem Journey-Konzert von 1977 zeigt dies deutlich (siehe youtube clips weiter unten). Er wirkt mit seinem aufgesetzten, zappeligen Gehabe irgendwie wie ein Clown, der sich affektiert in den Vordergrund spielen will. Herbie Herbert hörte kurz nach Fleischmans Engagement ein Tape von Steve Perry, war total begeistert und sagte ganz offen, dass man Fleischman loswerden müsse und „ we gotta get this guy (Steve Perry)“. Herbie musste nicht lange auf eine Gelegenheit warten. Eines Konzertabends beschwerte sich Fleischman darüber, nicht genug Spotlight zu erhalten. Herbie antwortete kurz:“You ´re gone. Adios.“

Auf „Infinity“ wurde die Tenor-Stimme Perrys geschickt in die voll durcharrangierten Songs integriert, veredelt  durch  die nun typischen Chorsätze von Rolie, Valory, Schon und Perry. Wie man auf dem 77er Fleischman-Auftritt hört , standen schon weitgehend die Arrangements. Der Produzent Roy Thomas Baker (siehe auch Queen) gab Journey einen neuen Sound: griffige Melodien, einprägsame Refrains und mehrstimmige Gitarrenchöre, die ins Ohr gingen. Die mitsingbaren Gitarrensoli wurden zu Neals Markenzeichen.

Perry und Schon waren ( auch im Verbund mit Greg Rolie) kompositorisch ein ganz großes Team, eine ideale Symbiose. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Ross Valorys Bass, Dunbars Schlagzeugspiel und Rolies Hammondorgel einen großen Beitrag zum Gesamtwerk beisteuerten. Komponiert wurde in vielen Fällen mit Akusikgitarre (Neal) und Bass (Perry), nicht selten während langer Fahrten im Tourbus oder bei Rehearsals vor den Auftritten. (Time 3 Booklet)

Anspieltipps

Lights Hendrix-artiges Rhythmus-Chording, wunderbares Solo, der Song wurde ein San Francisco Favorit,

Feeling That Way: Beispiel dafür, wie gut sich die Stimmen Perrys und Rolies im Wechsel so stimmig ergänzten, Stilprägend der gewaltige Chorgesang der Band, der auch live locker bewältigt wurde.

La Do Da rockiger Titel, der an die ersten drei LPs erinnert.

Patiently  wunderbarer Song von Perry und Schon, einfühlsame Stimme von Schons Nylon-Gitarre begleitet und später rockig fortgeführt, um wieder zu den Ausgangsharmonien zurückzukehren.

„Wheel In The Sky“ – 8 Wochen in den amerikanischen Charts; schönes, wohl bekanntes, fast klassisches Gitarrenintro, griffiger Refrain mit Chorgesang, an dem sich viele Top 40 Bands die Zähne ausgebissen haben, und natürlich ein einprägsames Neal Schon -Solo

„Winds Of March“ – hat mir immer mit am besten gefallen, schönes Nylon-String-Intro, einfühlsamer Gesang, der unter die Haut geht, im Refrain mehrstimmige Gitarrenchöre; unerwartet dann der rockige Mittelteil, der ein wenig an Queen erinnert. Erst ein Hammond-Orgel-Solo und dann glitzert Neals Gitarre – sein kurzes Solos endet in mehrstimmigen Gitarrenchören.

In der „Guitar Player-Ausgabe vom August 2001 verrät Neal einiges zu den Aufnahmen von „Infinity“:

Über das Solo in “Feeling That Way”: „I played my 63 Strat through an old 100 Watt Marshall Plexi. There was a long hallway in the studio, our producer Roy Thomas Baker put the amp way dow at one end. He used one mic  close and one as far back as he could place it….. When I listen to the solo now, it sounds like I unconsciously stole the beginning from Elvin Bishop´s “Fooling Around And Fell In Love”. The rest of it sounds like stuff I got from Eric Clapton.”

“Lights”: “ I like the solo because it shows my Hendrix and blues influences. It wasn´t composed- I just winged it. I used my 63 Strat on this solo, as well.”

Soweit ich weiß, hat er durchgängig auf dem ganzen Album die 63er Stratocaster verwendet.

Hier nun einige Videos zum „Infinity“-Album.

Journey – Feeling That Way (Official Video – 1978) – YouTube

Journey – Lights (Official Video – 1978) – YouTube

Deutlich wird das geniale Zusammenspiel der Band in den vielen Videos  der 70er Jahre.

Wahrscheinlich einer der ersten Live-TV-Auftritte im „Midnight Special“. Witzig die Vorstellung der Band durch Ross Valory. Unglaublich wie tight und voll die Band klingt. Neal spielt hier ein Les Paul Custom mit drei Pickups. Exzellent. Ab 12:00 fade out Solo von Neal. Es folgt “Patiently”, Neal zunächst an der 6-saitigen Guild-Jumbo-Gitarre plus Perrys Falsett-Gesang. Erstklassig. Die Überleitung in den rockigen Teil schnörkellos mit parallelen Gitarre- und Gesangslinien. Melodiöses Neal Solo. Energiegeladen dann La Do Da. Pure Energie. Aynsly Dunbar war eine Wucht am Schlagzeug.

Midnight Special 1978 Journey – YouTube

Ein Konzert von 1978

Journey – Full Concert – 06/10/78 – Capitol Theatre (OFFICIAL) – YouTube

PBS Soundstage mit Albert King und Live-Auftritt von Journey mit einigen Titel der Frühphase und „Infinity“-Titeln; Neal spielt bei den Journey-Titeln ein schwarze Les Paul Standard, wahrscheinlich da sie fetter klang als die Stratocaster. Die klingt bei der Blues Jam mit Albert King und Luther Allison ziemlich dünn.

Journey – PBS Soundstage (1978) – YouTube

Noch zwei Videos. Journey spielt im ersten Video Stücke von den ersten drei LPs. Bild- und Soundqualität sind grottig. Selbiges gilt für das Stage-Gehabe von Robert Fleischman.

Journey Live 1977 Part 1 – YouTube

Journey LIVE 1977 part 2 – YouTube

In Youtube Part 3 ab 14:00 versucht sich Fleischman gesanglich am mitkomponierten „Wheel In The Sky“. Hier wird deutlich, auch hinsichtlich der Bühnenpräsenz, dass Steve Perry eine ganz andere Liga war.

Journey live 1977 part 3 – YouTube

Journey live 1977 Part 4 – YouTube

Journey live 1977 part 5 – YouTube

Interessant bei den Clips , dass die „Infinity“-Songs von der Struktur schon ziemlich standen. Also kurz darauf später muss es dann mit Steve Perry ins Studio gegangen sein.

Tour

Mit dem Radioairplay, Radio Werbung, Chartplatzierung und Anzeigen in Musikmagazinen ging es eine 172 Stationen umfassende USA- und Europa-Tour. „Infinity“ erreichte Platin-Status. Das Folgealbum „Evolution“ brachte „Journey“ mit “Loving, Touching, Squeezing“ zum ersten Mal in die Top 20 der USA Charts und natürlich als Headliner in die großen Arenen.

Evolution – das zweite Album aus der Trilogie

Roy Thomas Baker produzierte auch „Evolution“, neu am Schlagzeug Steve Smith.

Anspieltipps:

Evolutions erster Track „Majestic“ – ein kurzes Instrumentalstück mit üppiger Chorarbeit, wurde bei den Live-Konzerten immer vom Band eingespielt.

„Sweet And Simple“ – wunderbarer langsamer bluesiger Titel, auf dem Steve Perry einmal mehr seine extravagante Gesangskunst zeigen kann, besonders bei  2:40. Wunderschön Neals gekonnte Rhythmusgitarre mit wunderschönen Melodiebögen und eingängigem Solo, super A-Capella-Gesang zum Ende hin. Perry schrieb den Song fünf Jahre vor seinem Engagement bei Journey “while contemplating the beauty of Lake Tahoe”. (Time 3 Booklet)

„Just The Same Way“ – der Titel hätte auch auf der dritten „Journey“-Platte „Next“ sein können. Steve Perry und Greg Rolie im Wechselgesang. Neal Schon über den Song im „Guitar-Player“ in der August-Ausgabe von 2001:

„Ross Valory actually came up with the melody at the beginning. I couldn´t figure out how to start the solo, and he hummed that part. I played his line and improvised from there. That was a first take. I played my black Les Paul Pro through a Peavey Mace amp.”

“Do You Recall” – fast denkt man an die Melodie eines Kinderliedes, der Anfang und die Strophe unterliegen einfachen Akkorden, harmonisch  dann ein Meisterwerk die Bridge mit tollem Chor und mehrstimmigen Gitarren, die Gitarre schließt gekonnt an den Falsett-Gesang an und führt ihn als Solo fort. Chapeau Neal.

„Departure“ – Schlussalbum der Trilogie

„Any Way You Want It“ – einer der wohl bekanntesten Songs. Von Schon und Perry im Bandbus komponiert. Typisches Neal Schon Solo. In Amerika nicht selten zu hören von New York bis Nashville. Ein Muss für Coverbands in Nashville und New Orleans.

(1) JOURNEY – YouTube

“Where Were You” mit rockigem Neal Schon-Intro. Geschrieben nach der Tour mit ACDC im Vorprogramm und Neal meinte: “You can´t help being influenced by a band like that.”

“Line Of Fire” – typisch Neal Schon mit Revolver-Schuss zum Ende, eine Idee Steve Perrys.

“People” – Neal singt Lead, tolles Gesangsarrangement

“Walks Like A Lady” – Rhythm und Blues-Titel, mit schönen Stratocaster-Sounds. Neal erinnert sich, dass er die Rhythmus- und Soloparts mit ganz leisem Peavey Mace-Verstärker eingespielt hätte. Das Solo war ein One-Take. Steve Smith übrigens hier an den Jazz-Besen.

Die Veröffentlichung von „Departure“ und die anschließende Welttour läutete leider auch den Abschied von Greg Rolie ein. Schade! Seine Stimme, besonders auch sein Backgroundgesang mit Ross Valory zusammen, und sein Orgelspiel machten einen Großteil des Journeybandsounds aus.  Schön, dass CBS 1981 eine Live-CD der Departure Tour veröffentlichte. Sie gibt einen guten Liveeindruck der drei LPs mit Perry wieder. Auf dem bisher unveröffentlichten Stück „Dixie Highway“ blitzt das starke Zusammenspiel und  die Spielfreude der Band auf. “Dixie Highway” entstand wieder einmal im Bandbus auf dem Weg nach Detroit auf besagten Highway.

JOURNEY ~ LIVE ~ 1980 ~ “DIXIE HIGHWAY” – YouTube

Literaturhinweise

Fachblatt, 1980

Rolling Stone June 1980

Time 3 Booklet, San Francisco 1992

Guitar Player August, 2001

Gitarre & Bass, Juli 2001

Gitarre & Bass Juni 2005

Rock It , März 2005

Neal Schon über Neal Schon von Stev Rosen (Fachblatt 1983?)

Good Times, April 2008

Guitar Player, July 1989

Journey von Fleesh Fischer, Zeitungsartikel von 1980

John Stix, Neal Schon von Journey

Guitar Heroes II, 2007, guitar magazine

Fortsetzung folgt!

Neal Schon – der Zauberlehrling Part I

Neal Schon

Wer gehört zu deinen Lieblingsgitarristen?  Wähle deine 10 Lieblingsgitarristen? So wird man auf Musikerforen gefragt oder es gilt in Musikermagazinen abzustimmen. Habe mir das heute wieder mal überlegt. Wenn ich so zurückblicke, gab es viele, die ich bewundert habe, in vielen Fällen aber nur für kurze Zeit. Eine Schwärmerei für ein Album oder so. Nichts von Dauer.

Meine Top 10 sind von hinten beginnend:  Mark Farner (Grand Funk Railroad), Ronnie Montrose, Bernie Marsden, Peter Frampton, Andi Powell (Wishbone Ash), Laurie Wisefield (Wishbone Ash), Andrew Latimer (Camel), Joe Bonamassa, Neal Schon und Gary Moore

Über Gary Moore habe ich hier ja schon ausufernd geschrieben. Und er ist nach wie vor die Nummer eins für mich, aber dicht gefolgt von Neal Schon.

Warum liegt Neal Schon auf Platz 2?

Seine Band Journey tritt seit Jahren irgendwie auf der Stelle. Vor allem kompositorisch ging es nach Ausstieg Steve Perrys bergab. Letztlich zieht das auch den Gitarristen mit herunter. Auch solistisch gehen mir seine solistischen Ausflüge in ein Soundnirvana starker Verzerrung und überproportional riesigen Hall- und Delayfahnen etwas gegen den Strich. Schade eigentlich. Gerade höre ich mir sein neues Solowerk „Universe“ an. Er kann es noch immer. Aber ich wünschte mir einen knackigen, trockenen, weniger verzerrten Gitarrensound. Es ist wieder mal ein Instrumentalalbum, auf dem er u.a. Klassiker von Hendrix interpretiert. Das schrecklichste Album ist allerdings „Vortex“, ein Doppelalbum, mit dem tollen Doppelalbum von “Electric World” nicht zu vergleichen. Völlig verhallt. Gerade läuft Princes „Purple Rain“. Gott sei seiner Seele gnädig. Hier spielt Schon schon schön melodisch. Die Finger wieseln übers Griffbrett. Die Gitarre singt. Soundmäßig merkt man, dass mit „Kemper“ oder mit “Fractal FX” aufgenommen wird. Warum sagt ihm eigentlich keiner, dass diese Hallräume auf Dauer nicht gut klingen. Die bräuchte er beim besten Willen nicht. Ich möchte ihn mal mit einem kleinen Verstärker in einer Trio-Besetzung in einem Club hören. So wie mit der „Journey Through Time“ – Band– einige Videos sind hier auf auf youtube zu finden. Einfach  nur gut. Da hat er eigentlich den Sound. Wenn ich das jetzt so höre, denke ich mir, Mensch Neal, lass´mal mehr Pausen beim Solieren. Das hat Gary in den letzten Jahren super gekonnt. Man ist dann nämlich als Zuhörer so scharf auf den nächsten Ton, wenn er dann endlich kommt. Das lange Sustain, Neal verwendet den Fernandes-Sustainer-Pickup, ist bisweilen, da überstrapaziert, nervig. Es wirkt halt künstlich. Bei Gary kam es natürlicher. Jetzt läuft ein ganz schönes Fusion-Stück  „She´s For Real“mit guter Melodie, dann wieder arg nervös. Zum Einschlafen ist das nichts. Weiß nicht, ob das ein Cover ist. Habe hier nur mp3s. Die Rhythmik ist cool – gegentaktik. Ob da noch Steve Smith mitspielt? Nee, glaube, das ist Narada Michael Walden. Die Melodie erinnert mich an „Camel“. “What Has Become“ –  typische langsame Journey –Rhythmik – typsches Neal Soloing. Viele Noten. “Lights” – die Journey-Hymne schlechthin – jetzt als Instrumental-Stück. Wieder viele Noten – da fehlt der Gesang. Im Original ist das Solo wirklich genial, ein Song im Song. Hier wieder mal „overplayed“. „Silent Voyage“ erinnert soundmäßig an Schons bestes Soloalbum „Late Night“. Das war wirklich genial – kompositorisch wie soundmäßig. Zwar auch viel Hall, aber weniger künstlich. Warum muss er denn immer so schnell spielen. Kurze Pause, dann wieder schnelle Läufe. Irgendwie immer das gleiche. Ich gehe zum nächsten Titel, obwohl noch zwei Minuten Zeit wären. Da kommt nichts Überraschendes mehr. „Chrome Shuffle“– schöne Bass/Drums-Rhythmik – darüber Gitarre mit Wimmerhaken spielt eine einprägende Methode – schwebend mit viel Hall – was sonst.

„Be Happy“ – schneller hektischer Rhythmus – mit noch hektischer Gitarre, Gewimmer im Hallsoundnirvana. „I Believe“ – Soundgewabber – Ingredienzen: Hall, Verzerrung, Keyboardbrei, dann Schlagzeugeinsatz, geht an mir vorbei – nichts bleibt haften. Während ich bei „Late Night“, „Beyond The Thunder“, „Electric World“, Voice” oder “I On U” sich wundervolle Melodien einprägten, ist hier auf „Universe“ beim ersten Anhören wenig zu finden. Naja doch am Ende hängt Neal noch „Hey Jude“ von den Beatles an.

Da hätte ich mir mehr erwartet. Zum Glück nur mp3-download. Wie gesagt über die Produktionsstätte und eventuelle Mitstreiter kann ich nichts sagen. Vielleicht muss man sich das noch einige Male anhören. Der Gitarrensound erinnert bisweilen auch an Jeff Beck, beispielsweise im ersten Titel. Insgesamt soundmäßig aalglatt. Wenig überraschend. Die Gitarre klingt eigentlich immer gleich. Naja vielleicht hat er immer die gleiche PRS verwendet.

Ganz schöner Zerriss. Eigentlich wollte ich ja nur Positives über Neal schreiben. So erscheint es ja als wenn der gute Neal das Schlusslicht wäre. Aber, liebe Leser/in, das Positive kommt jetzt.

Auch auf der eben arg kritisierten Scheibe, hört man, dass er es in den Fingern hat. Wie feinfühig er spielt, schnelle Bendings, Hammerons und Abzieher in atemberaubender Geschwindigkeit. Er weiß, wie man Töne generiert und Spannung erzeugt. Einer der wenigen, der wunderbare Melodie-Klassiker geschaffen hat. Den großen Durchbruch als Solokünstler hat er bislang nicht geschafft. Er wird wohl als „Journeys“-Gitarrist in die Musikgeschichte eingehen. Während man oft miserable Gitarristengesellen in den Top 100 aufgelistet findet, ist Neal Schon selten in diesen gegenwärtig. Er gilt unter Gitarristen als einer der „most underrated guitarplayers“. Dem kann ich mich nur anschließen, besonders dann, wenn man seine Geschichte kennt.

Auf Neal aufmerksam geworden bin ich 1976, als ich auf einer Fete das Album „Look Into The Future“ von “Journey” hörte. Was für eine tolle Musik. In der Raffinesse und der Musikalität mit Grand Funk Railroad nicht vergleichbar. Fusion Rock garniert mit allerlei Zutaten. Grand Funk Railroad – das war Schweiß, Ekstase, geballte Power und Simplizität. Hier waren  mit Greg Rolie und Neal Schon Santana-Musiker am Werk. West Coast –Musiker  mit einem  ganz anderen Background als das Powertrio/-quartett aus Flint/ Michigan. Dieser Gitarrist Schon mit seinen wahnsinnig schnellen Sololäufen, den tollen Melodien, bluesig-kalifornisch, zog mich in seinen Bann. Da ging die Sonne auf. Höre das mp3 –Album  „Universe“erneut. Gefällt mir jetzt eigentlich ganz gut.

Wie es so kommt, sammelte ich nun alles über Journey und Neal Schon. Abonnierte für einen Haufen Geld den amerikanischen „Guitar Player“. Ich musste alles über diesen Typen mit dem geilen „Afro“ erfahren. Ein richtiger Frauenschwarm, gut aussehend, braun gebrannt, strahlend weiße Zähne. Was sich noch steigerte, nachdem das Bärtchen aus dem Gesicht verschwand.

Nach „Look Into The Future“ legte ich mir das Debut-Album “Journey” zu. Ainsley Dunbar (Schlagzeug) Greg Rolie (Hammond/ E-Piano/ Synth), Ross Valory (Bass) und nur auf diesem Album George Tickner (Rhythm-Guitar). Und natürlich Neal Schon (Lead Guitar). Erstkassige Musik mit spannungsgeladenen Zwischenteilen. Man spürt noch die santanischen Einflüsse.

Neal spielte auf dem Santana Album „Caravanserai“ und „Santana 3“ mit. Es gibt hier einige Videoclips aus dem Beatclub von 1971. Neal (geboren am27.2. 54) war da gerade mal 17 Jahre alt. Wie mir Barb (Schon) Boyle ( Neals Mutter) mal erzählte, war die Band mit Neal auf Europa-Tournee. Also ein riesiges Abenteuer für einen 17-Jährigen. In Italien, so Barb, ließ die Mafia die Musikanlage von Santana verschwinden. Technisch war Neal mit Santana bestimmt schon damals auf gleicher Höhe.

Wenn man die Clips heute ansieht, blickt man in das Gesicht eines „Greenhorns“, das noch im Ensemble der Santana-Musiker schüchtern mit  auf der Bühne steht, auf Solo-Einsätze wartend. Köstlich. Vor “Jungle Strut” beginnt die Band zum 2. Mal nach einer längeren Pause.

Zurück zum bei CBS erschienenen „Journey“-Debut-Album. Mit der langen Gitarrensolospur war man soundmäßig bei “Of A Lifetime” nicht ganz zufrieden und der Produzent Roy Halle, der eigentlich vorher noch keine Rockband im Studio hatte, fragte, ob man die Gitarrensolo-Spur durch erneutes Einspielen nicht fetter machen könnte. “Neal went back in the studio and played the solo´s duplicate in another one-take sweep” (Time 3 Booklet) . Ich denke, das drückt alles über seine gitarristischen Fähigkeiten aus.

Werdegang

Neal, mit italienischen und deutschen Wurzeln, eigentlich also Schön, wurde am 27. Februar 1954 in Oklahoma geboren. Schon als Kleinkind begann er Oboe und Gitarre zu spielen. Neals Vater war ein Bandleader, Arrangeur und Komponist, seine Mutter Barb sang in Big Bands. Matthew Schon spielte alle Blasinstrumente und erteilte Unterricht. Neal besuchte die High School in San Mateo. Mit zehn Jahren begann er Gitarre zu spielen. Neal wie Gary Moore Linkshänder greift aber mit der linken Hand, fing mit zwölf Jahren ernsthaft zu üben an, nahm ein paar Monate Unterricht, doch dann lernte er hauptsächlich nach dem Gehör. Vorbild für ihn waren die großen Gitarristen Beck, Page, Clapton und Jimi Hendrix und Bloomfield. „ Ich hörte mir eine Platte an und dann konnte ich mir denken, wo die Finger der Gitarristen gerade waren. Dann hörte ich mir Sänger an und vor allem Aretha Franklin. Ich versuchte mit meiner Gitarre so zu singen.“ (Interview, Fachblatt 1981?)Neal besuchte die High School in San Mateo und zog mit 15 zu Hause aus. Als Teenager begann Neal in den Clubs von San Francisco zu spielen. Hier traf er mit vierzehneinhalb den Schlagzeuger und Keyboarder von Santana. Man jammte zusammen. Greg Rolie (Keys) und Neal wurden Freunde. Man war 1970 wieder mal im Studio zugange, als Carlos Santana und Eric Clapton vorbeikamen. Man jammte. Tags drauf versuchte Clapton Schon telefonisch zu erreichen. Als Neal ins Studio zurückkehrte, hörte er von Claptons Kontaktversuchen. Er sollte am Abend mit Claptons Band in Berkeley konzertieren. Es war sechs Uhr und Neal sollte eineinhalb Stunden später mit Eric auf der Bühne stehen. Neal hatte kein Auto. Er überredete einen, ihn zum Gig zu fahren. Clapton teilte Neal dort mit, ihn nach der Hälfte des Konzerts auf die Bühne zu holen und als guten Freund vorzustellen. Er müsse dann nichts tun außer zu spielen. Neal kannte alle Clapton Stücke Note für Note. Clapton blickte mehrmals verwundert zu Neal, weil sein Solo aus Neals Verstärker kam. Neal spielte dann eigene Sachen und Clapton war begeistert. Eric wollte Schon für Derek & the Dominoes, Neal schlug das Angebot aus, denn er sah wohl, dass Clapton in naher Zukunft Probleme haben werde und die Band ein Fehlschlag sein würde. Am nächsten Tag fragte Carlos wegen eines Einstieg bei Santana. Eigentlich hätte Neal lieber mit Clapton gespielt, sagte aber dann Santana zu.

1971 und 1972 ging es mit Santana auf Welttournee. Dabei machte man auch in Bremen halt, wo die Clips für den Beatclub mit Uschi Nerke aufgenommen wurden.

Neal spielte auf den beiden Santana Alben Caravanserai und Santana III mit. 2010 traf sich dann die Santana Crew von damals wieder um Santana 4 aufzunehmen. Hier ein Live-Clip von 2016 aus dem “House Of Blues” Las Vegas.

Rolie und Schon verließen dann 1972 Santana. Mitte 1973 bemühten sich der Manager Herbie Herbert um Neal eine Rhythmusgruppe zusammenzustellen, die sich dann als Supergruppe erweisen sollte. Rolie und Schon schlossen sich mit dem Ex-Steve Miller Bassisten Ross Valory, Schlagzeuger Aynsley Dunbar (John Mayall/ Frank Zappa u.a.)und dem Rhythmusgitarristen George Tickner ( der für die unglaublichen Chordings verantwortlich war) Greg Rolie erzählt: “He came up with chordings I have never heard.”(Time 3 Booklet) Tickner war nur auf dem ersten Album vertreten, er folgte dann einer medizinischen Berufung. In einer Radiosendung von KSAN-FM bekam die Band von einem Zuhörer den Namen „Journey“. Nach 6 Monaten intensiver Probenarbeit war der erste Gig im Winterland Ballroom/ San Francisco und am darauffolgenden Tag auf dem Crater Festival auf Hawai noch mit Prairie Prine an den Drums. Nun begann ein endloses Touren, teilweise vor Auditorien, die mit dem Fusionrock überhaupt nichts anfangen konnten. Beispielsweise waren sie einmal als “Special Guest” bei einer “Country Music Show” gebucht. (Time 3 Booklet) Journey wurden dennoch zu einem „local favorite“. Der große Erfolg blieb aus, obwohl bei Colombia Records unter Vertrag. Die ersten drei LPs verkauften sich nur schleppend. Während auf der ersten LP noch an einigen Stellen das Santana-Erbe durchbricht, nicht zuletzt durch Rolies Stimme, ist auf „Look Into The Future“ teilweise Zeppelinesques in durchdachten spannungsgeladenen Jam-Arrangements zu hören.

„Look Into The Future“ Anspieltipps:

„Your On Your Own“, coole Rhythmuslinien, so hätten die Beatles auch klingen können oder Rolie hätte stimmlich auch zu den Beatles gepasst. Die Harmonien auf dem Stück auch. Cool die  mehrstimmigen Melodiebögen – ein Meisterwerk.

“I Am Gonna Leave You” – das Riff wurde später von Kansas auf „Carry On My Wayward Son“ adaptiert, coole Wah Wah-Sounds. Hier der Clip “Journey Through Time” mit Schon und Rolie (2018)

“Midnight Dreamer”, Jam-Stück – grandioses Neal Solo  ab 3:10!! Da wird Santana blass. Die Rhythmusgruppe ist einfach der Wahnsinn. Klasse Melodien!

“It´s All Too Much”George Harrison-Titel, cooles Cover in Journey-Fusion-Bearbeitung

Das dritte Album „Next“ ist kompositorisch, spiel- und soundtechnisch ein Meisterwerk.

Ein Beatles-Album?

„Spaceman“ erinnert an die „Beatles“, wunderbar hier die tollen Solos, vom Sound her knackig, nur angezerrt, klar definierbar.

„People“ – einzigartig, man meint Neal spielt hier die Gitarrenlinien rückwärts, Indian-Mahavishnu Orchestra feel, gesanglich und harmonisch wie die Beatles, den Titel hätte auch George Harrison schreiben können.

„I Would Find You“ – Neal singt hier Lead – bluesiger Titel, Hendrix like, ab 4.50 absolut cooles Fade out-Solo

“Here We Are” – Beatles-Harmonien und glänzende Gitarrenchöre, singt da Ringo Star, Yellow Submarine, doch dann Tempo angezogen und zweistimmige Melodien. Super.

„Hustler“ – eine der rockigsten Journey-Titel, Wah-Wah-Solo, ab 1:30 wildes Solieren!

„Next“ – cooles Riff – typisch Journey bzw. Neal. Dann singt wieder “einer” der Beatles. Einfach abwechslungsreicher Titel. Von der ersten Sekunde bis zur letzten so kreativ durchdacht. Stimmig.

„Nickel & Dime“ – umwerfend. Der schnelle Teil nach der verhaltenen Einleitung geil mit den schönen Piano bzw. Gitarrenlinien. Der Bass Ross Valorys erstklassig. Macht Spaß allein auf den deutlich zu hörenden Bass zu achten. Chapeau.

“Karma” – Indischer Sound, man meint wieder Neal spielt rückwärts. Er singt zum harten Gitarrenriff wie Jimi Hendrix, auch simultan zu Gitarrenlinien.

Journeys Gesang

Herbie Herbert ,(Roadmanager bei Santana/ später der “Journey Manager”) wirft in einem Rolling Stone Interview (12. Juni, 1980) der Band nach dem ersten Album vor nicht gut komponieren, nicht  performen zu können und vor allem nicht singen zu können: „Neal couldn´t say his name without his voice cracking. Greg destroyed his voice …” Schon meinte: „Jamming was the easiest thing we could do.” (Rollinge Stone June, 1980). Nach dem ersten Album begannen sie an ihrem Gesang zu feilen. Herbert schickte sie zur Gesangslehrerin Bianca Thornton. Der Gesang wurde merklich besser. „ And by the third album „Next“ Neal emerged as a lead singer on two trakcs and the group was vocally prepared to support a new musician who would have  equal proficiency with the voice to Neal as a guitarist or Aynsley as a drummer.” (Herbie Herbert/ June,1980 Rolling Stone).

Summa Summarum waren die ersten drei Platten eher für Musiker gemacht. Journeys Anhängerschaft war zu dieser Zeit hauptsächlich männlich. Also keine Musik von der Radiointendanten träumen. Das sollte sich mit dem nächsten Album ändern. Herbie Herbert forcierte die Suche nach einem Lead Sänger.

Fortsetzung folgt!

Literaturhinweise:

Fachblatt- Artikel über Neal Schon? , 1980

Rolling Stone June 1980

Time 3 Booklet, San Francisco 1992

Guitar Player August, 2001

Gitarre & Bass, Juli 2001Gitarre & Bass, Juni 2005

Rock It , März 2005

Neal Schon über Neal Schon von Stev Rosen (Fachblatt 1983?)

Good Times, April 2008

Guitar Player, July 1989

Journey von Fleesh Fischer, Zeitungsartikel von 1980

John Stix, Neal Schon von Journey, Jahr 1980?

Würzburger Geschichten: Wintererlebnisse – aus der Rhön über Saalbach nach Wangs am Pizol oder wie man Zahnschmerzen loswird

Nachdem ja dieses Jahr der Winter in Würzburg ein wenig eingezogen ist, habe ich mir gedacht, die Wintergeschichten noch mal hier einzustellen.  Viel Vergnügen beim Lesen!

Erst Frühmesse – dann Rhön

Von frühester Kindheit an ging es jeden Sonntag in die Rhön zum Schifahren. In den 60er und Anfangs der 70er gab es unzählige Skitage in der Rhön. Einmal so in den 70ern weiß ich noch, dass wir Ende April noch in der Rhön zum Skifahren waren. Unsere Schneesonntage begannen meist in dieser Weise: Aufstehen um 5.30 Uhr, dann in die Augustinerkirche zum 6 Uhr Gottesdienst, kurzes Frühstück, Anlegen der Skibekleidung in Form von langer Unter- und Keilhose mit Steg Rollkragen-pulli, darüber Wollpulli. Skier auf Träger und  um 7.45 Uhr war Abfahrt. Autobahn bis Abfahrt Wildflecken und dann über die Rhönsträßchen durch die Dörfer zum Himmeldunk. Es gab einige wettermäßig sehr schöne Tage, aber meistens pfiff an diesem Hang unerbittlich der Wind, dass einem Hören und Sehen verging. Dabei wurden vom Wind so kleine Eispickelchen oder -nädelchen transportiert, die sich einem in die Haut bohrten. Die Füße in den Lederschnürstiefeln eiskalt, die Hände in den Fäustlingen ebenso. Oft war ich den Tränen nahe.

Mittagspause – im Auto

Rauf und runter bis um 12 Uhr, dann die Erlösung: Mittagspause. Wer jetzt denkt, wir wären wie das heute so Usus ist, in ein Wirtshaus rein, der irrt sich gewaltig. Es ging zum Parkplatz und in den BMW oder später dann Mercedes. Der Motor wurde angelassen. Die Thermoskanne mit heißem Schwarztee mit Zitrone wanderte von meinen Eltern in den Fond. Das Heißgetränk wurde in die Thermoskannenaufsatzbecher gefüllt. Das Auto erwärmte sich zügig und die von den kalten Lederstiefeln befreiten Füße begannen mit der nun beginnenden Blutzirkulation hemmungslos zu schmerzen. Nach dem Heißgetränk wurden nun Mettwurst-, Schinken- und Salamibrote herumgereicht, als Dessert Mandarinen. Die ganze Jause dauerte etwa ne halbe Stunde. Dann trieb uns mein Vater wieder hinaus. Wieder in diese vermaledeiten Schuhe mit den nassen Schnürsenkeln, den klammen Anorak an – gerade war´s noch so richtig kuschelig gewesen und jetzt wehte einem wieder dieser bitterkalte Wind um die Nase. Der Schal flatterte, die drückende Schibrille über Mütze und Kapuze. Manchmal nahm mein Vater meine Hände zwischen seine und rubbelte sie bis sie einigermaßen warm waren. Dann musste man auch noch Wasser lassen, hinter einem Baum im Windschatten gelbe Spuren in den Schnee zeichnen. Das Martyrium dauerte dann noch bis 16 Uhr. Durchgefroren, nass und müde ließen mein Bruder und ich uns auf der Rücksitzbank nieder. An dieser Stelle musste ich Konrad, meinen Vater, immer bewundern. Die nun wohlige Wärme ließ uns, Mutter inklusive, nach wenigen Kilometern in den Schlaf sinken und er fuhr uns mühelos, manchmal bei äußerst widrigen Wetterumständen nach Würzburg zurück. Als wir dann so um 18 Uhr in der Semmelstraße ankamen, entledigten wir uns der feuchten und klammen Skikleidung. Mein Vater eilte sofort in die Küche und kochte für uns: Bratwürste mit Kraut oder Schweinemedaillons oder Rumpsteaks. Dazu gab es Brötchen. Nach so einem Skitag war das einfach das Beste. Später fuhren wir dann immer an den Arnsberg. Da waren die Abfahrten länger und die Infrastruktur dann auch mit dem Doppellift besser. Allerdings hatte ich an diesem Berg ein großes Abenteuer zu bestehen.

Nebel-Irrwege

Das war, als ich etwa 9 Jahre alt war. Wie jeden Sonntag waren wir also zum Skifahren aufgebrochen. Das Wetter äußerst bescheiden: kalt, windig und dichter Nebel. Die Sicht lag bei unter 20 m. Nach der Mittagspause wieder auf die Bretter. Dichte Nebelwand. Irgendwie verlor ich den Anschluss an die anderen und folgte irgendwelchen Spuren – denn zu sehen war nichts als weiß. Und ehe ich mich versah, war ich von der Piste abgekommen. Nebelwände um mich herum. Und kein Laut zu hören. Ich irrte umher. War da nicht einer? Ich rief, ich schrie in das Weiß – keine Antwort. Dann flog ich auch noch hin und rutschte aus der Bindung und brachte selbige total vereiste im Tiefschnee nicht mehr zu. Jetzt bekam ich richtig Schiss. Mir war kalt und klamm. Ich lauschte. Nichts. Man hatte mir mal erzählt im Gebirge immer nach unten zu laufen. Also los. Ich heulte, weil ich wusste, dass bald die Dämmerung einsetzten würde. So stapfte ich ohne jegliches Zeitgefühl bergab durch Schneeverwehungen mit Skiern und Stöcken unter den Armen. Ich war echt am Verzweifeln und am Ende. Nach einer gefühlten Ewigkeit traf ich auf einen Parkplatz, an dem gerade ein Pärchen seine Langlaufskier auf´s Autodach hievte. Oh mein Gott! Ich glaube, die haben sofort erkannt, dass ich Hilfe brauchte. Ich erzählte alles und sie meinten, das könne ja nicht sein, da wir hier am Kreuzberg wären. Die guten Leute fuhren mich dann zum Arnsberg Parkplatz. Meine Eltern waren froh, mich wieder in die Arme schließen zu können. Nachdem ich die Strecke vom Arnsberg zum Kreuzberg schon im Sommer oft gewandert bin, weiß ich, wie es etwa zu dieser „Irrfahrt“ kommen konnte. Ich hatte damals verdammtes Glück. Wie ich hier diese Zeilen schreibe, fällt mir ein, dass Gunda und ich 2012 ein nicht unähnliches Erlebnis auf dem Weg zum Gampenpass in Südtirol hatten. 

Skiunfälle

Skiunfälle gab es auch. Einmal habe ich mir eine Bänderverletzung zugezogen. Am nächsten Tag musste ich noch zur Schule. Gegen Abend war das Knie dreimal so dick. Ich lag dann eine Woche im Juliusspital und bekam nen Gips vom Ober- bis zum Unterschenkel. Bescheuert war, dass meine Eltern ohne mich in den gebuchten Skiurlaub fuhren. Mein Bein war dann erst mal für längere Zeit steif. Ein anderes Mal hat sich mein Freund Christoph Fincke am Arnsberg das Bein gebrochen. Der wurde dann auf die Rücksitzbank gelegt und von Vatern und Muttern nach Würzburg ins Krankenhaus gebracht. Schorsch und ich fuhren dann noch bis Liftschluss Ski. Vater holte uns abends wieder ab. 

Willkommene Skifreizeit außerhalb der Ferien

1969 war ein ganz besonderer Winter. Ich bekam, weil ich immer so käsig und schmal war, mitten während der Schulzeit 2 Wochen Extraferien. Schon allein die winterliche Hinfahrt nach Saalbach/Österreich war ein Genuss: Ich sehe es noch, als wenn es gestern gewesen wäre: Ich wie Graf Koks auf dem fetten Beifahrersitz und im Radio lief Christian Anders „Geh´nicht vorbei!“ 

Heute völlig undenkbar. Das war toll, alles war so vornehm in Saalbach, so ähnliche Bilder vor Augen, wie wenn James Bond in St. Moritz ist. Meine Mutter kam dann eine Woche später nach und wir holten sie am Bahnhof in Zell am See ab. Mein Bruder weilte zur selben Zeit mit dem Siebold-Gymnasium in Hinterglemm. Erinnern tu ich mich noch an die Salzburger Nockerln, die es einmal zum Essen gab. Was für eine Süßspeise! Unsere Winterurlaube bzw. Skifreizeiten waren mit das Schönste in meiner Kinder- und Jugendzeit.

Schulskikurse, schulische Skifreizeiten und mit der MC an den Pizol

Mit dem Siebold-Gymnasium in Saalbach/Hinterglemm – “Pfefferbauer”

Am Siebold-Gymnasium nahmen wir auch stets an den Osterskifahrten teil. Besonders schön war Canazei. Da mussten die Skier noch ein ganzes Stück weit hoch zur Marmolata getragen werden. 1973 hatte mein Bruder Schorsch den Führerschein gemacht und im Winter 73 fuhr er mit mir und drei weiteren MC-lern in den Weihnachtsferien zu einem MC- Winterlager nach Wangs in der Schweiz. Mein Vater überließ ihm dafür seinen Benz und wir tuckerten mit surrenden Spikereifen los. Während der Hinfahrt hatten wir allerdings zweimal einen platten Spikereifen. Aber mein Vater nahm es bei jedem Telefonanruf locker und wir kamen wohlbehalten an. In Wangener Internat, das die MC gebucht hatte, war es super. Abends nach dem Skifahren gab es gegen 80 Rappen heiße Ovomaltine zu trinken.

Alternative Behandlung von Zahnschmerzen

Allerdings rumorte bald mein kariöser Backenzahn gewaltig. Ich hatte fürchterliche Zahnschmerzen in der Nacht. Irgendein Spaßvogel meinte, ich sollte den Schmerz mit „Mon Cheri“ betäuben und schön auf die Kirsche beißen. Das tat ich dann auch mit der gekauften Packung. Infolgedessen wurden die Zahnschmerzen aber noch schlimmer. Tagsüber waren sie beim Skifahren immer wie weggewischt. In der Nacht kamen sie dann vehement zurück.

Jean Claude Killy

Mein Bruder und ich waren begeisterte Skifahrer und wir eiferten unseren Idolen aus dem Skisport wie Jean Claude Killy etc. nach. Wir kauften beim Sport Dillmaier in der Würzburger Domstraße unsere Skier und es mussten Rossignol-Bretter mit Fersenautomatik sein. Nachdem die Spitzenskifahrer zu dieser Zeit begannen farbige Schnallenstiefel zu tragen, kam mein Bruder auf die glorreiche Idee, unsere schwarzen einfach rot zu lackieren. Gesagt getan. Nun hatten wir knallrote Stiefel. Allerdings plätterten Teile der Farben bei der Eiseskälte und durch den Gebrauch wieder ab. Aber toll sahen sie schon aus. 

 

Draußen ist es grau in grau, deshalb heute eine Sommergeschichte :) “Landverschickung”

Landverschickung – Ferien auf dem Bauernhof

Da meine Eltern überhaupt nicht in den Sommerurlaub fuhren, sollten wir Kinder doch ab und zu mal in den Genuss kommen in die „Ferne“ zu schweifen. „Ferne“ hieß für mich zu Beginn der 60er Mainberg bei Schweinfurt, später ab etwa 65 Untersambach bei Wiesentheid. Da war ich dann jeweils für einige Zeit untergebracht. In Mainberg wohnte ich bei den Maars. Berta Maar war als Haushaltshilfe in der Semmelstraße angestellt. Sie liebte mich von ganzem Herzen und nahm mich gern nach Mainberg mit. Ihr Mann Siegfried hatte einen schwarzen Käfer mit Brezelfenster und was mich besonders faszinierte ein tuckerndes BMW-Motorrad mit Seitenwagen. An sich war ich ja wirklich sehr brav, aber auch wissbegierig. Die folgende Episode wurde mir erzählt und kursierte in unserer Familie. Die Maars hatten einen kleinen roten Fußballschuh mit Streichhölzern auf dem Wohnzimmertisch stehen. Abends bevor mich Berta ins große Federbett brachte, schnappte ich mir einst das Schühchen und nahm es mit ins Bett. Licht aus, „Schlaf schön!“. Von wegen schlafen, Klein-Konrad probierte die Zündhölzer aus. Tatsächlich sie brennen und das Bett auch. Zum Glück kam Berta nochmal rein und rettete  den Zündler. Schwein gehabt.

Untersambach

So mit fünf oder sechs hatte ich ein neues Feriendomizil, da Bertha inzwischen eigenen Nachwuchs hatte: Untersambach im Steigerwald, ein Dorf – nein eher eine Ansammlung von einigen wenigen Gehöften. Das Ehepaar Feth, fleißige Landwirte, hatten mehrere Kinder. Die älteste Tochter Magda folgte Bertha nach. Ihre Geschwister hießen Otmar und Maria , die später auch den Beruf der Metzgereiverkäuferin erlernte und lange Jahre bei meinen Eltern arbeitete. Hört sich zunächst gut an. Aber es war ein Kulturschock. Ein Stadtkind, das wie meine Mutter es manchmal beschrieb, in der Stadt herumstreunt und im Hof von Zollner & Rummel mit Freunden

(Zollner & Rummel, Würzburg, Spezialgeschäft und Großhandlung in allen Bau-, Kanalbau-, Gas- und Wasserleitungsartikeln, Pumpen, Röhren-, Klosett- und Bade-Einrichtungen. Haupt-Katalog über sämtliche Gegenstände der Bau-, Kanalbau-, Gas- u. Wasserleitungsbranche. Firmenbeschreibung von 1908)

zwischen den Ruinen rumspielt, plötzlich auf dem Land,  ein Bauernhof – völlig unbekanntes Terrain. Eine Fliegenpatsche hatten wir auch in der Metzgerei und es war meine große Leidenschaft, sie im Ladenzimmer oder oben in der Küche zu erlegen. Aber in Untersambach gab ´s nicht nur zehn, sondern tausende Mücken, die einen überall belästigten.

Hinzu kamen bis dato unbekannte Flugwesen in Form von Bremsen, die einen zwickten, dass einem Hören und Sehen verging. Es war grässlich. Da Maria und Otmar schon älter waren, wurde nicht zusammen gespielt , sondern es galt bei allen möglichen Tätigkeiten mitzuhelfen. Es gab allerdings auch wunderschöne Spaziergänge im nahen Wald, in dem Damwild zu beobachten war. Wir sind viel mit dem Fahrrad, ich auf dem Gepäckträger auf den typisch sandigen Wegen dieser Steigerwaldregion unterwegs gewesen. Schlimm war es, wenn die Fahrt zu jenem „Schwimmbad“  in der Nähe führte. Man sehnte sich oft danach, da die Sommer in Untersambach in meiner Erinnerung immer sehr heiß waren. Als wir das erste Mal da ankamen, traf mich fast der Schlag. Ich war das chlorreine, kristallklare Wasser unseres Schwimmbades im Garten gewöhnt. Hier in der unterfränkischen Badediaspora traf ich auf eine glitschige Holztreppe, die in ein grünlich  sumpfiges Gewässer führte, das einen modrigen Geruch verströmte. Schleimige Grün- und Blaualgen, Bremsen, schwirrende Schnaken, fette Libellen, wahrscheinlich auch  Rückenschwimmer und Gelbbrandkäfer. Nein, höchstens Füße rein, mehr ging für mich nicht. Das war kein Badespaß!

Oft war in der Nacht ein Gewitter im Anzug, das sich in der Stille Untersambachs mit lautem Grollen ankündigte. Ich lag tief in die Matratze eingesunken unter einem gigantischen Federbett und zog bei jedem Blitz die Decke über den Kopf. Der Bauernhof hatte keinen Blitzschutz und es kam einmal vor, dass ein Blitz in eine benachbarte Scheune einschlug und die Feuerwehr den Brand löschen musste.

Am Morgen wachte man, verstochen von den zahlreichen Schnaken, auf und freute sich, dass man noch am Leben war. Ein richtiges tolles Fest war das Dreschfest in Untersambach. Da gab es nach getaner Arbeit offenfrisches selbst gebackenes Bauernbrot . Eine Köstlichkeit auch ohne Wurst.

Einmal musste mich mein Vater aus „Untersambi“ abholen. Ich saß auf Otmars Gepäckträger und wir befuhren wieder mal einen sandigen Weg. Ich brachte meinen rechten Fuß in die Speichen und verdrehte ihn derart, dass ich dann in Würzburg zum Röntgen musste. Noch heute habe ich rechts ein Wundmal in Form einer Narbe.