Würzburger Geschichten: Wintererlebnisse – aus der Rhön über Saalbach nach Wangs am Pizol oder wie man Zahnschmerzen loswird

Nachdem ja dieses Jahr der Winter in Würzburg ein wenig eingezogen ist, habe ich mir gedacht, die Wintergeschichten noch mal hier einzustellen.  Viel Vergnügen beim Lesen!

Erst Frühmesse – dann Rhön

Von frühester Kindheit an ging es jeden Sonntag in die Rhön zum Schifahren. In den 60er und Anfangs der 70er gab es unzählige Skitage in der Rhön. Einmal so in den 70ern weiß ich noch, dass wir Ende April noch in der Rhön zum Skifahren waren. Unsere Schneesonntage begannen meist in dieser Weise: Aufstehen um 5.30 Uhr, dann in die Augustinerkirche zum 6 Uhr Gottesdienst, kurzes Frühstück, Anlegen der Skibekleidung in Form von langer Unter- und Keilhose mit Steg Rollkragen-pulli, darüber Wollpulli. Skier auf Träger und  um 7.45 Uhr war Abfahrt. Autobahn bis Abfahrt Wildflecken und dann über die Rhönsträßchen durch die Dörfer zum Himmeldunk. Es gab einige wettermäßig sehr schöne Tage, aber meistens pfiff an diesem Hang unerbittlich der Wind, dass einem Hören und Sehen verging. Dabei wurden vom Wind so kleine Eispickelchen oder -nädelchen transportiert, die sich einem in die Haut bohrten. Die Füße in den Lederschnürstiefeln eiskalt, die Hände in den Fäustlingen ebenso. Oft war ich den Tränen nahe.

Mittagspause – im Auto

Rauf und runter bis um 12 Uhr, dann die Erlösung: Mittagspause. Wer jetzt denkt, wir wären wie das heute so Usus ist, in ein Wirtshaus rein, der irrt sich gewaltig. Es ging zum Parkplatz und in den BMW oder später dann Mercedes. Der Motor wurde angelassen. Die Thermoskanne mit heißem Schwarztee mit Zitrone wanderte von meinen Eltern in den Fond. Das Heißgetränk wurde in die Thermoskannenaufsatzbecher gefüllt. Das Auto erwärmte sich zügig und die von den kalten Lederstiefeln befreiten Füße begannen mit der nun beginnenden Blutzirkulation hemmungslos zu schmerzen. Nach dem Heißgetränk wurden nun Mettwurst-, Schinken- und Salamibrote herumgereicht, als Dessert Mandarinen. Die ganze Jause dauerte etwa ne halbe Stunde. Dann trieb uns mein Vater wieder hinaus. Wieder in diese vermaledeiten Schuhe mit den nassen Schnürsenkeln, den klammen Anorak an – gerade war´s noch so richtig kuschelig gewesen und jetzt wehte einem wieder dieser bitterkalte Wind um die Nase. Der Schal flatterte, die drückende Schibrille über Mütze und Kapuze. Manchmal nahm mein Vater meine Hände zwischen seine und rubbelte sie bis sie einigermaßen warm waren. Dann musste man auch noch Wasser lassen, hinter einem Baum im Windschatten gelbe Spuren in den Schnee zeichnen. Das Martyrium dauerte dann noch bis 16 Uhr. Durchgefroren, nass und müde ließen mein Bruder und ich uns auf der Rücksitzbank nieder. An dieser Stelle musste ich Konrad, meinen Vater, immer bewundern. Die nun wohlige Wärme ließ uns, Mutter inklusive, nach wenigen Kilometern in den Schlaf sinken und er fuhr uns mühelos, manchmal bei äußerst widrigen Wetterumständen nach Würzburg zurück. Als wir dann so um 18 Uhr in der Semmelstraße ankamen, entledigten wir uns der feuchten und klammen Skikleidung. Mein Vater eilte sofort in die Küche und kochte für uns: Bratwürste mit Kraut oder Schweinemedaillons oder Rumpsteaks. Dazu gab es Brötchen. Nach so einem Skitag war das einfach das Beste. Später fuhren wir dann immer an den Arnsberg. Da waren die Abfahrten länger und die Infrastruktur dann auch mit dem Doppellift besser. Allerdings hatte ich an diesem Berg ein großes Abenteuer zu bestehen.

Nebel-Irrwege

Das war, als ich etwa 9 Jahre alt war. Wie jeden Sonntag waren wir also zum Skifahren aufgebrochen. Das Wetter äußerst bescheiden: kalt, windig und dichter Nebel. Die Sicht lag bei unter 20 m. Nach der Mittagspause wieder auf die Bretter. Dichte Nebelwand. Irgendwie verlor ich den Anschluss an die anderen und folgte irgendwelchen Spuren – denn zu sehen war nichts als weiß. Und ehe ich mich versah, war ich von der Piste abgekommen. Nebelwände um mich herum. Und kein Laut zu hören. Ich irrte umher. War da nicht einer? Ich rief, ich schrie in das Weiß – keine Antwort. Dann flog ich auch noch hin und rutschte aus der Bindung und brachte selbige total vereiste im Tiefschnee nicht mehr zu. Jetzt bekam ich richtig Schiss. Mir war kalt und klamm. Ich lauschte. Nichts. Man hatte mir mal erzählt im Gebirge immer nach unten zu laufen. Also los. Ich heulte, weil ich wusste, dass bald die Dämmerung einsetzten würde. So stapfte ich ohne jegliches Zeitgefühl bergab durch Schneeverwehungen mit Skiern und Stöcken unter den Armen. Ich war echt am Verzweifeln und am Ende. Nach einer gefühlten Ewigkeit traf ich auf einen Parkplatz, an dem gerade ein Pärchen seine Langlaufskier auf´s Autodach hievte. Oh mein Gott! Ich glaube, die haben sofort erkannt, dass ich Hilfe brauchte. Ich erzählte alles und sie meinten, das könne ja nicht sein, da wir hier am Kreuzberg wären. Die guten Leute fuhren mich dann zum Arnsberg Parkplatz. Meine Eltern waren froh, mich wieder in die Arme schließen zu können. Nachdem ich die Strecke vom Arnsberg zum Kreuzberg schon im Sommer oft gewandert bin, weiß ich, wie es etwa zu dieser „Irrfahrt“ kommen konnte. Ich hatte damals verdammtes Glück. Wie ich hier diese Zeilen schreibe, fällt mir ein, dass Gunda und ich 2012 ein nicht unähnliches Erlebnis auf dem Weg zum Gampenpass in Südtirol hatten. 

Skiunfälle

Skiunfälle gab es auch. Einmal habe ich mir eine Bänderverletzung zugezogen. Am nächsten Tag musste ich noch zur Schule. Gegen Abend war das Knie dreimal so dick. Ich lag dann eine Woche im Juliusspital und bekam nen Gips vom Ober- bis zum Unterschenkel. Bescheuert war, dass meine Eltern ohne mich in den gebuchten Skiurlaub fuhren. Mein Bein war dann erst mal für längere Zeit steif. Ein anderes Mal hat sich mein Freund Christoph Fincke am Arnsberg das Bein gebrochen. Der wurde dann auf die Rücksitzbank gelegt und von Vatern und Muttern nach Würzburg ins Krankenhaus gebracht. Schorsch und ich fuhren dann noch bis Liftschluss Ski. Vater holte uns abends wieder ab. 

Willkommene Skifreizeit außerhalb der Ferien

1969 war ein ganz besonderer Winter. Ich bekam, weil ich immer so käsig und schmal war, mitten während der Schulzeit 2 Wochen Extraferien. Schon allein die winterliche Hinfahrt nach Saalbach/Österreich war ein Genuss: Ich sehe es noch, als wenn es gestern gewesen wäre: Ich wie Graf Koks auf dem fetten Beifahrersitz und im Radio lief Christian Anders „Geh´nicht vorbei!“ 

Heute völlig undenkbar. Das war toll, alles war so vornehm in Saalbach, so ähnliche Bilder vor Augen, wie wenn James Bond in St. Moritz ist. Meine Mutter kam dann eine Woche später nach und wir holten sie am Bahnhof in Zell am See ab. Mein Bruder weilte zur selben Zeit mit dem Siebold-Gymnasium in Hinterglemm. Erinnern tu ich mich noch an die Salzburger Nockerln, die es einmal zum Essen gab. Was für eine Süßspeise! Unsere Winterurlaube bzw. Skifreizeiten waren mit das Schönste in meiner Kinder- und Jugendzeit.

Schulskikurse, schulische Skifreizeiten und mit der MC an den Pizol

Mit dem Siebold-Gymnasium in Saalbach/Hinterglemm – “Pfefferbauer”

Am Siebold-Gymnasium nahmen wir auch stets an den Osterskifahrten teil. Besonders schön war Canazei. Da mussten die Skier noch ein ganzes Stück weit hoch zur Marmolata getragen werden. 1973 hatte mein Bruder Schorsch den Führerschein gemacht und im Winter 73 fuhr er mit mir und drei weiteren MC-lern in den Weihnachtsferien zu einem MC- Winterlager nach Wangs in der Schweiz. Mein Vater überließ ihm dafür seinen Benz und wir tuckerten mit surrenden Spikereifen los. Während der Hinfahrt hatten wir allerdings zweimal einen platten Spikereifen. Aber mein Vater nahm es bei jedem Telefonanruf locker und wir kamen wohlbehalten an. In Wangener Internat, das die MC gebucht hatte, war es super. Abends nach dem Skifahren gab es gegen 80 Rappen heiße Ovomaltine zu trinken.

Alternative Behandlung von Zahnschmerzen

Allerdings rumorte bald mein kariöser Backenzahn gewaltig. Ich hatte fürchterliche Zahnschmerzen in der Nacht. Irgendein Spaßvogel meinte, ich sollte den Schmerz mit „Mon Cheri“ betäuben und schön auf die Kirsche beißen. Das tat ich dann auch mit der gekauften Packung. Infolgedessen wurden die Zahnschmerzen aber noch schlimmer. Tagsüber waren sie beim Skifahren immer wie weggewischt. In der Nacht kamen sie dann vehement zurück.

Jean Claude Killy

Mein Bruder und ich waren begeisterte Skifahrer und wir eiferten unseren Idolen aus dem Skisport wie Jean Claude Killy etc. nach. Wir kauften beim Sport Dillmaier in der Würzburger Domstraße unsere Skier und es mussten Rossignol-Bretter mit Fersenautomatik sein. Nachdem die Spitzenskifahrer zu dieser Zeit begannen farbige Schnallenstiefel zu tragen, kam mein Bruder auf die glorreiche Idee, unsere schwarzen einfach rot zu lackieren. Gesagt getan. Nun hatten wir knallrote Stiefel. Allerdings plätterten Teile der Farben bei der Eiseskälte und durch den Gebrauch wieder ab. Aber toll sahen sie schon aus. 

 

Draußen ist es grau in grau, deshalb heute eine Sommergeschichte :) “Landverschickung”

Landverschickung – Ferien auf dem Bauernhof

Da meine Eltern überhaupt nicht in den Sommerurlaub fuhren, sollten wir Kinder doch ab und zu mal in den Genuss kommen in die „Ferne“ zu schweifen. „Ferne“ hieß für mich zu Beginn der 60er Mainberg bei Schweinfurt, später ab etwa 65 Untersambach bei Wiesentheid. Da war ich dann jeweils für einige Zeit untergebracht. In Mainberg wohnte ich bei den Maars. Berta Maar war als Haushaltshilfe in der Semmelstraße angestellt. Sie liebte mich von ganzem Herzen und nahm mich gern nach Mainberg mit. Ihr Mann Siegfried hatte einen schwarzen Käfer mit Brezelfenster und was mich besonders faszinierte ein tuckerndes BMW-Motorrad mit Seitenwagen. An sich war ich ja wirklich sehr brav, aber auch wissbegierig. Die folgende Episode wurde mir erzählt und kursierte in unserer Familie. Die Maars hatten einen kleinen roten Fußballschuh mit Streichhölzern auf dem Wohnzimmertisch stehen. Abends bevor mich Berta ins große Federbett brachte, schnappte ich mir einst das Schühchen und nahm es mit ins Bett. Licht aus, „Schlaf schön!“. Von wegen schlafen, Klein-Konrad probierte die Zündhölzer aus. Tatsächlich sie brennen und das Bett auch. Zum Glück kam Berta nochmal rein und rettete  den Zündler. Schwein gehabt.

Untersambach

So mit fünf oder sechs hatte ich ein neues Feriendomizil, da Bertha inzwischen eigenen Nachwuchs hatte: Untersambach im Steigerwald, ein Dorf – nein eher eine Ansammlung von einigen wenigen Gehöften. Das Ehepaar Feth, fleißige Landwirte, hatten mehrere Kinder. Die älteste Tochter Magda folgte Bertha nach. Ihre Geschwister hießen Otmar und Maria , die später auch den Beruf der Metzgereiverkäuferin erlernte und lange Jahre bei meinen Eltern arbeitete. Hört sich zunächst gut an. Aber es war ein Kulturschock. Ein Stadtkind, das wie meine Mutter es manchmal beschrieb, in der Stadt herumstreunt und im Hof von Zollner & Rummel mit Freunden

(Zollner & Rummel, Würzburg, Spezialgeschäft und Großhandlung in allen Bau-, Kanalbau-, Gas- und Wasserleitungsartikeln, Pumpen, Röhren-, Klosett- und Bade-Einrichtungen. Haupt-Katalog über sämtliche Gegenstände der Bau-, Kanalbau-, Gas- u. Wasserleitungsbranche. Firmenbeschreibung von 1908)

zwischen den Ruinen rumspielt, plötzlich auf dem Land,  ein Bauernhof – völlig unbekanntes Terrain. Eine Fliegenpatsche hatten wir auch in der Metzgerei und es war meine große Leidenschaft, sie im Ladenzimmer oder oben in der Küche zu erlegen. Aber in Untersambach gab ´s nicht nur zehn, sondern tausende Mücken, die einen überall belästigten.

Hinzu kamen bis dato unbekannte Flugwesen in Form von Bremsen, die einen zwickten, dass einem Hören und Sehen verging. Es war grässlich. Da Maria und Otmar schon älter waren, wurde nicht zusammen gespielt , sondern es galt bei allen möglichen Tätigkeiten mitzuhelfen. Es gab allerdings auch wunderschöne Spaziergänge im nahen Wald, in dem Damwild zu beobachten war. Wir sind viel mit dem Fahrrad, ich auf dem Gepäckträger auf den typisch sandigen Wegen dieser Steigerwaldregion unterwegs gewesen. Schlimm war es, wenn die Fahrt zu jenem „Schwimmbad“  in der Nähe führte. Man sehnte sich oft danach, da die Sommer in Untersambach in meiner Erinnerung immer sehr heiß waren. Als wir das erste Mal da ankamen, traf mich fast der Schlag. Ich war das chlorreine, kristallklare Wasser unseres Schwimmbades im Garten gewöhnt. Hier in der unterfränkischen Badediaspora traf ich auf eine glitschige Holztreppe, die in ein grünlich  sumpfiges Gewässer führte, das einen modrigen Geruch verströmte. Schleimige Grün- und Blaualgen, Bremsen, schwirrende Schnaken, fette Libellen, wahrscheinlich auch  Rückenschwimmer und Gelbbrandkäfer. Nein, höchstens Füße rein, mehr ging für mich nicht. Das war kein Badespaß!

Oft war in der Nacht ein Gewitter im Anzug, das sich in der Stille Untersambachs mit lautem Grollen ankündigte. Ich lag tief in die Matratze eingesunken unter einem gigantischen Federbett und zog bei jedem Blitz die Decke über den Kopf. Der Bauernhof hatte keinen Blitzschutz und es kam einmal vor, dass ein Blitz in eine benachbarte Scheune einschlug und die Feuerwehr den Brand löschen musste.

Am Morgen wachte man, verstochen von den zahlreichen Schnaken, auf und freute sich, dass man noch am Leben war. Ein richtiges tolles Fest war das Dreschfest in Untersambach. Da gab es nach getaner Arbeit offenfrisches selbst gebackenes Bauernbrot . Eine Köstlichkeit auch ohne Wurst.

Einmal musste mich mein Vater aus „Untersambi“ abholen. Ich saß auf Otmars Gepäckträger und wir befuhren wieder mal einen sandigen Weg. Ich brachte meinen rechten Fuß in die Speichen und verdrehte ihn derart, dass ich dann in Würzburg zum Röntgen musste. Noch heute habe ich rechts ein Wundmal in Form einer Narbe.

Monthly Guitar Januar/ Henrik Freischlader Band “Missing Pieces”

Henrik Freischlader Band „ Missing Pieces“

Wie kann man mit so einem ruhigen Stück wie“Opening” in eine CD einsteigen, werden sich viele fragen. Noch dazu ohne Gesang. Doch absolut passend. Hier singt die Gitarre ohne jegliche Hetze mit sparsamen äußerst gefühlvollen Tönen. Ich nehme an, Henrik Freischlader dürfte hier eine Les Paul zur Hand genommen haben. Rhythmus Pickup. Eine Akustik-Gitarre und dezentes Keyboard noch und ein beschaulich zarter Eingangstrack ist fertig, der Raum zum Träumen öffnet. Wunderbar. Mir fallen zwei Gitarristen spontan ein, die den Track auch eingespielt haben könnten.

„Opening“ sowieso ein guter Titel des ersten Stückes, denn er öffnet fast unbemerkt die Tür zu „New Beginning“. Les Paul weiter benutzt. Und dann dieser coole Gesang, einfach so, Transparenter Aufbau, leises Schlagzueg, Armin Alics  klarer Bass und die Orgel halt – einen schönen Teppich legend. Auch herrliche Rhythmusgitarre, dazwischen mogeln sich kurze gefühlvolle Licks und die einfache Songmelodie mit Wiedererkennungswert. Höhepunkt ist das Solo. Das hat einfach Leben, nicht dieses Kaufhausbluesgedengel das man schon so oft gehört hat. Da darf auch mal ein Ton ein Kratzen oder Unsauberkeit bei sein, die dem Ganzen Ehrlichkeit verleihen. „New Beginning“ baut in seiner Langsamkeit Spannung auf.

„Power Of The Peaceful“ – Schluss mit der Einlullerei. Flott mit Soul-Feeling geht´s weiter. Äußerst abwechslungsreicher Titel. Besonders gitarrenmäßig, plötzlich drängt sich mir bei 2:30 mal kurz Dickey Betts von den Allman Brothers ins Gedächtnis. Die Snare so schön knackig. Armin Alics Bass drückt wie bei „17 Mann auf des Todesmanns Kiste“.

Überhaupt die Snare ( Drums Moritz Meinschäfer) gefällt mir auch in “Let The People Be Free“ – irgendwie Bob Marley-Feeling. Griffiges Gitarrenriff als wiederkehrendes Element. Dynamik, das heißt hier Luftraum schaffen, durch gewollte Zurückhaltung der Instrumenten.

„Another Missing Piece“ – irgendwie unbeschreiblich. Ungewohnte Rhythmik. Man kommt beim Zuhören ins Schleudern. Voller Überraschungen – herrlich verspielt die Hammond-Orgel. Und immer wieder schöne Gitarrenlicks.

„Justice Blues“ – im ersten Moment der Anfangstakte denkt man, das könnte Joe Bonamassa sein. Aber es ist alles viel strukturierter. Weniger ist mehr. Die Instrumentierung ist absolut gekonnt. Im richtigen Verhältnis. Bonamassa hätte es wohl überarrangiert. Hier bleibt alles im positiven Sinne durchsichtig. Ab 2:52 Klasse-Blues-Solo. So trocken, dass es fast schon aus den Lautsprechern staubt.

„It Ain´t Funky“– entgegen dem Titelname geht´s hier funkmäßig zu Gange. Geschmackvolle Parallelläufe von Sax und Gitarre, dazu jammert die Hammondorgel. Schönes Saxsolo oben auf.

„I Wanna Thank You“ – Beziehungstext – Blues-Titel. Vom Sound, Feeling und Grundstimmung her könnte er auf Gary Moore´s „Still Got The Blues“-Album oder „After Hours“ passen. Das Solo ab 2:00 bzw. 3:45 zeigt wie wundervoll Freischlader im Stile von Gary Moore solieren kann. Chapeau.

„What I ´ve Done To You”. Einfache klare Basslinie durchzieht den Titel. Die Stimme schön im rauen Blues-Klang gewinnt Raum. Das Solo dreckig und rotzig. Super.

„Grown Up“ kommt im Tango-Rhythmus mit Funky-Melodie daher,  mit überraschenden harmonischen Wendungen, garniert mit instrumentalen Einwürfen von Bass, Gitarre, Orgel bzw. E-Piano (Roman Babik) oder Sax (Marco Zügner). Wieder äußerst dynamisch. Eine Klasse-Band, deren Freude am Zusammenspielen hier so deutlich wird.

„One And One is One“– blues-rockiger Titel mit Drive und mit lässig- lockerem Gesang. Das Solo erinnert wieder an Gary Moore.

„We used To Be Happy” – ein so langsamer Titel unglaublich. Zum Genießen. Passt zu den beiden Eingangsstücken der CD. Die Sparsamkeit  und Transparenz passt zur Langsamkeit. Diese Pausen sind das Salz in der Suppe. Cool arrangiert. Auch diese trockene Aufnahmecharakteristik. Äußerst sparsamer Umgang mit Delay und Reverb. Das schafft Stimmung und diese gemütlich-nahe Intimität. Bei 4:58 geht gitarrensoundmäßig die Sonne im Raum auf. „Geizig-wenige“ Töne, richtig gesetzt, machen es, statt einem Feuerwerk oder gekünsteltem Heer von hingedengelten Noten ohne Aussagekraft.

„Walking In The Shadow Of The Spotlight” – funky Titel mit Parallelläufen, ab 2:01 recht spritziges Solo. Ähnlich im Charakter wie „It Ain`t Funky“.

Spielzeit 1h 9 min

Fazit: Äußerst empfehlenswerte Scheibe. Erdiger transparenter Bandsound. Steckt voller Überraschungen. Kein gekünsteltes Gedengel, das man schon tausend Mal gehört hat, sondern raumgreifendes, stillvolles und dynamisches Gitarrenspiel. Dass man Gary Moore an einigen Stellen durchhört, ist wohl gewollt, denn Henrik Freischlader, in einem Gitarre & Bass-Heft nachzulesen, hatte beim ersten Anhören des „Still Got The Blues“-Albums seine eigene Initialzündung. Normal, wenn man bedenkt, dass bei einer Unzahl von Gitarristen (u.a. Gary Moore) das Feuer durch das „Beano“-Album von Johny Mayall entfacht wurde.

Die Cover-Gestaltung mit der Möglichkeit die Songkarten vorne einzuschieben ist vom Artwork her erstklassig. Alle Songtexte sind enthalten.

Besetzung

Henrik Freischlader Gitarre, Vocals

Armin Alic Bass

Marco Zügner Saxophone

Moritz Meinschäfer Drums

Recorded @ Megaphon Tonestudios, Arnsberg

Coverart: Caroline Sandmayer