Würzburger Geschichten- Oma Mathilde – die Spinatlist, Eierlikör und Wasserwelten

Die Metzgerei Martin vor dem 16. März 1945 – Mathilde Martin 3. von rechts
Sonntagsausflug der Familie Martin – mit Chauffeur

Oma Mathilde war meine über alles geliebte. Sie hat mich verwöhnt. Leider ist sie (*1900) bereits 1966 verstorben. Was sie alles durchgemacht hat: 22. Dezember 1944 ihr Mann Georg Valentin Martin verstirbt, kurze Zeit später die Nachricht, dass ihr ältester Sohn Georg am 28. Dezember 1944 in Kurland/ Russland gefallen war. Und als ob das noch nicht genügt hätte, am 16. März 1945 Bombenvolltreffer in der Semmelstraße 23. Geschäft und Wohnhaus in Trümmern.

Familienbild 1944 – Mathilde, Konrad (mein Vater), Maria (später verheiratete Kirchner), Georg und Georg Valentin Martin

Unglaublich und  ihre Kinder, Maria 19 Jahre alt  ( später verheiratete Kirchner) und mein Vater Konrad, damals 17 Jahre und als Flakhelfer in Schweinfurt, gab´s auch noch. Mein Vater, der in Randersacker als Metzgerlehrling tätig war, schwebte zudem  wegen eines Blinddarmdurchbruchs zwischen Leben und Tod.

Mathilde links, meine Eltern Konrad und Hannelore Martin, Gottfried Keller, der Schwiegervater (Pächter der Bürgerspital Weinstuben)

Kurz nach dem Bombenangriff begann sie bereits mit dem Wiederaufbau eines Hinterhauses mit Wohnung und Wurstküche. Bis zu ihrem Tod stand sie noch regelmäßig in der Metzgerei Martin. Ich war oft bei ihr und genoss es.

Weihnachten ca. 1963/64 Konrad, Mathilde und mein Bruder Georg

Es gab immer Honigbrote zu futtern und bisweilen kochte sie mir mittags meinen geliebten Spinat. In der ganzen Wohnung herrschte ein „omaeigener“ Geruch, an den ich mich gern erinnere. Irgendwie war es damals so, dass man dachte Leber zu essen, sei unwahrscheinlich wichtig für den kindlichen Organismus. Ich mochte keine. Partout nicht. Sobald ich den Geruch bzw. Geschmack wahrnahm, überkam mich Ekel. Da man wusste, dass ich auf Spinat Heißhunger hatte, „häckselte“ Mathilde Leber derart klein und versteckte diese atomisierten „Spurenelemente“ im frisch zubereiteten Spinat. Aber in der Beziehung konnte man mir nichts vormachen: den ersten Löffel sofort wieder “rausgespetzt”. Im Mund war schon Ende Gelände! List gescheitert. Man bot mir nie mehr Leber an. Dafür musste ich eine Zeitlang „Lebertran“ schlucken. Den musste ich unter Aufsicht meiner Mutter morgens vor der Schule einnehmen. Zum Glück war er in  festen Gelatinekapseln eingeschlossen. Mund auf – Kapsel rein – und schlucken. Nase zuhalten. Schnell Tee danach. Würg! Wenn man sich nicht beeilte, entfaltete sich der liebliche Geschmack schon im Mund. Aus diesem Grund kann ich heute noch große Tabletten mühelos runterschlucken. Glaubt´s mir.

Mathilde mit Georg im Garten auf der Keesburg

Der Bub kriecht Eierlikör

Unglaublich – aber eine andere Vorliebe meinerseits war Eierlikör. Ich hätte ihn literweise schlürfen können. Mathilde war gegenüber Alkoholika keine Kostverächterin. Man sagte damals, sie schöppele gern. Regelmäßig kam sie abends zu uns in den ersten Stock und fragte meinen Vater, ob er nicht auch nen Schoppen wolle. Der trank dann ihr zuliebe ein Gläschen mit, hatte aber mit Alkohol generell wenig am Hut. Ich dagegen stand auf süßen Eierlikör und bediente mich gerne unerlaubt und heimlich an unserem barocken Spirituosenschränkchen im Wohnzimmer. Das fiel auf und es gab Ärger. Mathilde produzierte dann für mich „Kindereierlikör“ mit reduziertem Alkoholgehalt. Das war supernett. Übrigens stellte Mathilde nebenbei Schnaps her. Im Herbst stand im Hinterhöfle der Semmelstraße ein Holzfass, in dem Spirlinge (äußerst süßes gelbes Steinobst) aus unserem Garten vor sich hingärten.

Omas Garten – das Johannisbeermeer

Sommers war Gartenzeit – natürlich auch für Mathilde. Sie hegte und pflegte ihn, das dazugehörige hübsche, adrette  Sommerhäuschen war eine Pracht. Es hatte das Flair eines französischen Schlösschens mit seinem großzügigen Fenster und den bleiverglasten Putzenscheiben. Angebaut wurde alles, was die Küche so brauchte. Obstbäume verschiedenster Art, Stachelbeeren und vor allem Johannisbeer-Sträucher. Unter den Büschen alles fein gehäckelt (von Hacke!), der Boden gelockert und das Unkraut penibel gejätet. Umso schlimmer war es dann, wenn die Enkel wieder etwas anstellten und die Gartenordnung in Unordnung brachten. Einmal zum Beispiel kam einer von uns auf die Idee, man könnte doch aus dem Bereich  der Johannisbeersträucher ein Stromland, so wie in der Antike, herstellen. Den Schlauch in der Nähe des Häuschen verankert und voll auf. Tatsächlich kämpften sich bald braune Schlammfluten durch die Sträucher, das Nildelta mit dem breiten, lebenspendenden Strom war nachgebildet. Mathilde schimpfte. Wir sorgten schon für Aufreger. Auch als ich mich splitterfasernackt auf den Weg machte die Ebertsklinge in Richtung Sieboldshöhe zu erkunden. Oma war nervlich aufgewühlt, da ich urplötzlich verschwunden war. Von einem Passanten erhielt sie dann die Info, dass ein „Klenner“ nackig die Ebertsklinge “naufgerannt” wär`. Also schnell hinterher, Mathilde.

Auch ein Bild aus früheren Tagen: Cousine und Cousins
Vorne links Thomas Kirchner, rechts Regina Steigerwald , geborene Kirchner; hinten von links Michael und Erich Hessenauer; anlässlich der Kommunion meines Bruder Georg in unserem Kinderzimmer in der Semmelstraße aufgenommen.

Würzburger Geschichten: Wie man für einen Bandauftritt plakatiert hat und die CSU- Mitglieder fernblieben.

In den früheren 80 er Jahren hatten wir bei unserer Band Black Bird eine Sängerin, deren Vater Drucker bei der Main Post (?) war. Abundzu konnte er für Probedrucktests Plakatvorlagen durchjagen. Das war cool. Nachdem uns die Sängerin verlassen hatte, gab´s keine Plakate mehr. Jetzt legten wir selbst Hand an: Eine Schablone aus Styropor wurde angefertigt, Farbdosen und Papier besorgt und in unserem Garten wurden am Fließband Plakate DIN A 2 produziert. Die Plakate haben wir dann überall zum Trocknen aufgehängt. Zu dumm war, dass die Schablone immer von den Farben zerfressen wurde.

Die folgende Tat dürfte nach beinahe 40 Jahren verjährt sein. Es war ein Gig im AKW (Autonomes Kulturzentrum Würzburg, Sartoriusstraße) ausgemacht. Also musste wie üblich von uns plakatiert werden. Wir waren mit meinem R4 fleißig unterwegs und kurvten durch die Stadt mit Tapetenleimeimer und einer beträchtlichen Anzahl selbstgemachter Plakate. Da gab es einen fetten Lüftungsschacht am Würzburger Marktplatz, der ringsum plakatiert war. Da hingen allerdings schon frische Plakate der Argo-Konzertagentur. Nun sahen wir die Stelltafeln der Würzburger CSU, die für den Stadtparteitag rings um den Marktplatz installiert waren. Eimer raus und Plakate an die Stellwände – die sieht jeder – Bombenwerbung mitten in Würzburg. Zu dumm, dass Wochen zuvor ein uns bekannter Schelm, die Helmut Kohl-Plakate mit einem eigenen Slogan versehen hatte. Das Original hieß „Kohl kommt“ und mutierte in der Nacht zu „Kohl kotzt“. Zwei oder drei Tage später sehe ich im Lokalteil des „Würzburger Volksblatt“ unser Plakat: Black Bird mit Barbara Stamm und Franz Gerstner mit

entsprechendem Kommentar: ….eine Unverschämtheit jetzt sollten eigentlich alle demokratischen… Unser Schlagzeuger fand das gar nicht witzig und machte uns die größten Vorwürfe. Bei unserem Konzert im AKW war allerdings trotz Werbung keiner von der CSU  anwesend. 🙂

Bloß nicht nachmachen: Episode 1 Wie man Batterien auflädt / Episode 2 Die Rakete fliegt tatsächlich!

Episode 1: Bloß nicht nachmachen: Wie man Batterien auflädt

Wie schon in der Biographie erwähnt war in der Sommerzeit unser Paradies auf Erden der Garten auf der Sieboldshöhe. In den Sommerferien also gut 6 Wochen lang Abenteuerferien. Wir hatten alles, was man so braucht: Fußballbolzwiese, Westernhütte in Form des alten Hühnerhäuschens, Ritterburg – das geräunige Gartenhaus von Oma Mathilde -, Bäume und Versteckmöglichkeiten noch und noch. Dazu gab es eine große Garage, die meine Eltern wohnlich eingerichtet hatten.

Vorne ein Garagentor mit Gipsstellwand dahinter , auf der Rückseite richtiges zweiflügliges Fenster, Eingangstür und Terrasse mit der damals obligatorischen Hollywoodschaukel. Die Innenausstattung bestand aus einem Bauernzimmer, Schlafcouch und Küche mit Herd und Kühlschrank. Bei Schlechtwetter also eine gemütliche Rückzugsmöglichkeit. Im  Garten hatten wir ein rundes Schwimmbecken, das von uns Kindern regelmäßig gewartet werden musste. Neben dem Schwimmen hatten wir enormen Spaß mit diversen Bötchen, die wir auf unserm „Meer“ zu Wasser ließen: Piratenschiffe, Fischkutter und eine neue, bei der Firma Schum am Schmalzmarkt, erworbene  batteriebetriebene Yacht.

Besonders jenes hatte es mir angetan.

Leider waren bald die vier großen Batterien am Ende und kein Ersatz zur Hand. Ob es damals schon  Aufladbare gab, weiß ich nicht. Aber ich war der festen Überzeugung, man könnte sie aufladen. Wenn ich nur noch wüsste, wer mir das eingegeben hat? Naja. Batterien raus aus dem Boot und  in der Wohngarage mit der Minus-Seite auf die Herdplatte gestellt. Der Strom kommt bei Minus rein und wandert zum Plus-Pol. Herd mal lieber nur auf eins. Langsam aufladen. Und wieder raus in den Garten. Einige Zeit später erinnerte ich mich wieder an den Ladevorgang. Uiii. Die Batterien hatten sich selbstständig gemacht. So ne Sauerei. Schwarze ölartige Spuren waren an der geweißelten Decke zu sehen. Der Herd sah zum Glück nicht so schlimm aus. Am Abend musste ich alles  beichten. Bloß nicht nachmachen!!!

Episode 2: Bloß nicht nachmachen – Raketenantrieb und Flugversuche sie fliegt tatsächlich!

kein Originalbild

Die Passion meines Bruders Schorsch war schon immer die Chemie, vor allem später beruflich noch viel mehr.  Also früh übt sich, wer ein Meister werden will. Jugendliche Interessen sind zu fördern – und so bekam er einen Experimentierkasten zu Weihnachten  geschenkt, so mit allem, was ein Juniorchemiker braucht. Um seinem Hobby intensiver zu frönen, hatte er sich in unserem Hühnerhäuschen ein kleines Versuchslabor eingerichtet, das sommers betrieben wurde.  Ich war bei all den Experimenten nur staunender Statist, der sich über plötzlich einsetzende unbeschreibliche Verfärbungen, blubbernde Erlenmeyerkolben, kleine Explosionen und Stichflammen diebisch freute. Chemikalien, die wahrscheinlich heute längst nicht mehr für Jugendliche zu erwerben wären, wurden von ihm in einem Geschäft in der Koelikerstraße/  Ecke Bachgasse gekauft.  Mein Bruder, den billigen Schulversuchen bald überdrüssig,  war begeistert von der Idee des Raketenbaus oder raketenbetriebener Fahrzeuge. Kein Wunder, es war die „Hochzeit“ der amerikanischen Raumfahrt.

Experimentiert wurde von ihm mit Wasserglas. Packpapier (aus der Metzgerei zweckentfremdet) wurde mit Selbigem getränkt bzw. eingepinselt und dann zu einer Art Treibstoffbehälter gerollt.

„Das Wasserglas schützt gegen die Einwirkung des Feuers, des Wassers und der Luft. Papier wird gleichsam verglaset, wodurch es außer der so schätzenswerten Eigenschaft, kein Feuer zu fangen, auch noch sehr bedeutend an Dauerhaftigkeit gewinnt.“ (So ein altes Chemiebuch!)

 Aus Balsaholz, bei der Firma Schum am Schmalzmarkt gekauft,  entstanden Abschussrampen oder Raketen- bzw. Fahrzeuguntergestelle mit Rädern. Trial and Error-Versuche waren nötig um die richtige Zusammensetzung des Raketentreibstoffes herauszufinden. Es gab natürlich hier auch herbe Rückschläge im wahrsten Sinne des Wortes. Nur so viel sei hier verraten: Unkrautex und Zucker waren auch dabei. Die Versuche mit den Wasserglasrollen waren meist ziemlich erbärmlich. Deshalb experimentierte Schorsch bald lieber mit handfesterem Material: Metallrohre jeglicher Couleur. Meine Cousins und ich waren immer gespannt auf den Ausgang der spannenden Experimente und beobachteten diese in sicherer Entfernung. Ja und eines Tages war es soweit. Die Krönung jedes Forschers: Das Objekt soll heute fliegen. Aber wohin? Welche Flugbahn nimmt es?

kein Originalbild!

Es war wieder mal alles für ein Experiment vorbereitet. Die Rakete in Form eines Eisenrohrs gefüllt mit Brennstoff, Zündlinie aus Schwarzpulver, Abschussrampe. Ausrichtung der Vorrichtung  gen Westen. Sicherheitsabstand zum Nachbargrundstück Militzer in westlicher Richtung etwa gut 70 Meter. Countdown und Start. Und sie flog wirklich – weit. Eine Rauchfahne hinter sich herziehend wie ein Blitz und landete – im Pool unseres Nachbarn  M. in der Otto-Naglerstraße. Es gab Ärger – dann!!!!

Würzburger Geschichten: Sonntagsgottesdienst in kratzigen Hosen

Eine meiner Lieblingsgeschichten. Viel Vergnügen beim Lesen! 🙂


Katholisches Würzburg, katholische Eltern, katholische Kinder heißt Sonntagsgottesdienstpflicht! Jeden Sonntag waren Schorsch und ich wahnsinnig motiviert den Gottesdienst zu besuchen. Denn eigentlich war der Sonntag der einzige Tag, an dem wir ausschlafen konnten bzw. eine ruhigere Kugel schieben konnte. Samstags war ja damals bis 11.20 Uhr Schule, danach war Mitarbeit im elterlichen Betrieb angesagt. Unsere Eltern gingen entweder am Samstagabend oder in aller Frühe zur Messe. Für uns war immer die 10 Uhr Messe in der Fransziskaner Kirche angedacht. Sonntags war Jeanstrageverbot. Zum sonntäglichen Messegang „durften“ nur Stoffhosen in Grau oder Schwarz getragen werden. Diese Dinger kratzten furchtbar, also besaßen einen miserablen Tragekomfort, der vor allem auf den ersten hundert Meter einen staksigen Gang zur Folge hatten, denn das Kratzen ließ erst leicht nach, wenn sie „warm“ gelaufen waren. Die Hosen wurden generell beim Wöhrl (damals noch in der Eichhornstraße, wo heute ein Drogeriemarkt drin ist) gekauft.

Mutter ging dort immer allein einkaufen und brachte tütenweise Hosen, Jacken und Pullover zur Auswahl mit. Werktagabends war  im Wohnzimmer dann „Kleiderprobe“. Was nicht gefiel, wurde von ihr am nächsten Tag zum Wöhrl zurückgebracht. Eigentlich war´s schon so ähnlich wie heute mit dem Online-Shopping.  Anprobieren und bei Nichtgefallen mit Mutter zurückschicken. Sonntags vor dem Kirchgang also Wöhrl-Stoffhosen in Schwarz oder Grau an. Entsprechend jämmerlich begann also der Sonntag, an dem ich mich lieber ganztägig mit den Elastolin-Figuren “herumgeschlagen” hätte. Wir bummelten also in mäßigem und etwas breitbeinigen Schritt Richtung Theaterstraße und sinnierten über unser strategisches Vorgehen, denn unsere Mutter fragte uns bisweilen über den Gottesdienst aus: Evangelium ?, Predigt? und wer? so drin war! Als wir endlich durch den Seiteneingang in den Weihrauch geschwängerten Sakralraum eintraten, waren schon die ersten fünf Minuten rum. Damals waren die Kirchen noch proppenvoll. Wir postierten uns dann immer geschickt links an so einem Rittergrabmal der Wetzhausener gleich neben dem Seiteneingang, also in der Nähe des Fluchtweges 🙂 .

Unsere Blicke scannten die anwesenden Gläubigen: Irgendein Bekannter dabei? Nö. Merk´ dir das Evangelium! Der Anfang der Predigt ist auch noch wichtig. Dann erfolgte der geordnete Rückzug – im Notfall konnten wir Rede und Antwort stehen. Endlich draußen. So jetzt haben wir noch mindestens 25 Minuten Zeit – vor 11.15 Uhr brauchen wir in der Semmelstraße nicht aufzuschlagen. Wer nun glaubt, wir wären ziellos durch die Innenstadt gebummelt, irrt sich gewaltig. Also auf!  Erst einmal zum Vogel Peter ( damals die Zoohandlung in der Ursulinengasse). Und für uns als Aquarianer besonders attraktiv. Mal gucken, ob der neue Fische in den Schauaquarien hat. Noch eine Menge Zeit – dann statten wir dem Samen-Fetzer am Barbarossa-Platz/ Ecke Kaiserstraße auch einen Besuch ab: „Schau´mal, dem sind ein Haufen Fische verreckt! Die haben alle die Pünktchenkrankheit! Glaub´jetzt können wir heim.“ Kurz vor der Metzgerei gingen wir unser „Alibi“-Angaben noch einmal durch. Wer war noch in der Messe? War nicht die Frau Hahnenkamm  drin? Stimmt – wenn du´s sagst, die war drin! 🙂

Demnächst folgen hier zwei Kurzgeschichten unter dem Motto “Bloß nicht nachmachen! “

Zwei neue Kurzgeschichten – wie versprochen: Fehlende Leber und große Geschäfte!

Nr. 1 Erziehung zur Verkehrstüchtigkeit

Als ich so sechs Jahre alt war, beschäftigten mich meine Eltern auch durch kleine Botengänge und -fahrten für die Metzgerei Martin. Wenige erledigte ich missmutig, die meisten aber  mit Freude, da dann oft was für mich, den kleinen Steppke, in Form von Süßigkeiten oder Trinkgeld heraussprang. Ein gern von mir erledigte Botenfahrt war es die Metzgerei Kirchner in der Frankfurter Straße aufzusuchen.

Wenn der Satz im Ladenzimmer in der Metzgerei Martin ertönte, „Meinst du die Maria hat noch….?“ , jauchzte mein Herz, denn gleich kam dann, „Der Klee soll mal nüber fahr´!“  So auch an diesem Tag: „Konrad (= mein Vater), es ist keine Leber mehr da!“ „Der Klee soll eine holen!“ , gab mein Vater zurück.

Mutter drückte mir eine große Tüte in die Hand und sogleich machte ich mich mit meinem Fahrrädle auf den Weg: Marktplatz, Alte Mainbrücke, Zeller Berg und dann die Frankfurter Straße zur Metzgerei Kirchner. Dort erwartete mich schon Tante Maria. „Willst du ein Eis?“ Die Metzgerei Kirchner verfügte über eine Eistruhe. Ich durfte mir eins aussuchen und nach dem Genuss, hängte ich die Schweineleber an die Lenkstange und zurück ging´s in die Semmelstraße. Tante Maria und Onkel Hans Kirchner betrieben die Metzgerei noch bis in die 90er, dann folgte meine Cousine Regina mit ihrem Mann Norbert.

Aus der Main Post zur Metzgerei Kirchner:

Die Metzgerei Kirchner ist eine „Institution“ in der Zellerau, ein Fachgeschäft mit sehr gutem Ruf. Nun gehen die Inhaber Regina und Norbert Steigerwald nach einer langen arbeitsreichen Zeit in den verdienten Ruhestand, doch das Geschäft mit seiner großen Tradition und dem Anspruch an Qualität und Geschmack der Produkte bleibt erhalten. Dafür bürgt als neuer Betreiber die Metzgerei Dees.

Die Metzgerei Kirchner wurde vor 61 Jahren von den Eltern der bisherigen Inhaberin gegründet. Schon als junges Mädchen arbeitete Regina Steigerwald hier, und so kennt sie natürlich ihre Kundschaft und deren Vorlieben bestens. Am Ende stehen nun 45 Arbeitsjahre.

Nr. 2 Unser Leonardle

Leonard, unser Spätgeborener, war als Kleinkind bereits sehr redselig und schon bald „stubenrein“. Er wusste pflichtbewusst große Geschäfte frühzeitig anzukündigen,  so dass man sich auf die Klobegleitung, was fast immer meine Aufgabe war, seelisch einstellen konnte. Einmal waren wir in Bad Gastein und aßen im vornehmen Sanotel  mit Blick auf den Gasteiner Wasserfall zu Mittag.

Der erste Gang war vorüber und der Hauptgang wurde serviert. Kurz nach den ersten Bissen, meldete sich es Leonardle: „Wenn ich des jetzt sach´, muss der Papa aufsteh´ !“

Kurzes Geschichtchen mit Würzburger Lokalkolorit: Der Kuddi vom Spielwarenladen Ott in der Haugerpfarrgasse fährt Rad

Spielwaren Ott? Haugerpfarrgasse

Weiß nicht, wer sich noch an ein Kinderspielzeug- und Kinderwagengeschäft in der Haugerpfarrgasse in Würzburg erinnert. Es war rechts im Gebäude neben den „Vierjahreszeiten“.  Der Laden gehörte Frau Ott. Diese hatte einen Enkel namens Georg, der mit uns in die Hauger Schule ging und zeitweise bei seiner Oma wohnte. Diese vielleicht um die 60 war nicht gut bei Fuß und teilweise auch bettlägerig, soweit ich mich erinnern kann. Jedenfalls war es interessant einen Freund zu haben, dessen Großmutter ein solches Geschäft besaß. Der gute Georg wurde von seiner Oma wie ein kleiner Prinz verwöhnt. Sie las ihm jeden Wunsch von den Augen. Irgendwann in der Sommerszeit bekam er von seiner Oma ein wunderbares  rotes Jugendfahrrad mit Drei-Gangschaltung, Licht und weiteren Accessoires geschenkt. Allerdings konnte Georg, mein Bruder und ich nannten ihn Kuddi bzw. Kuddel, nicht besonders gut Fahrrad fahren, also eher unsicher. Für die Nachmittagszeit wurde also eine kleine Fahrradtour auf die Keesburg in unseren Garten ausgemacht. Die Hinfahrt mit dem damals noch geringfügigen Verkehrsaufkommen stellte kein Problem dar. Nach Spaß und Spiel im Garten sollte Kuddi auf Wunsch seiner Oma um 17 Uhr den Rückweg antreten. Also starteten wir und fuhren die steile Eberstklinge hinab. Kuddi fuhr mit seinem knallroten Fahrrad mutig voran. Da wurde es ihm zu schnell und Kuddi machte eine Vollbremsung – allein mit seiner vorderen Felgenbremse – und es kam wie es kommen musste- Überschlag – zum Glück von einem Maschendrahtzaun aufgefangen. Meinem Bruder und mir blieb das Herz stehen. Summa summarum nur ein paar Abschürfungen am Knie und den Händen. Das Fahrrad allerdings ziemlich ramponiert, so dass er neben uns zu Fuß heimlaufen musste. Aber Kuddi hat an diesem Tag echt Schwein gehabt. Vom Radfahren hatte der Kuddi seitdem die Nase voll.

Fortsetzung: Szenen aus dem richtigen Leben – Wie Herr Auer den Gitarrenlack ausbessert

Open Air auf dem Heuchelhof / 1980 mit Black Bird

Episode 2: Gitarrenreparaturen made by Auer

Ein gutes halbes Jahr hatte ich 1980 bei Mac Donalds geschuftet, um mir ein schwarzes Fretlesswonder, eine Gibson Les Paul Custom mit Goldhardware, kaufen zu können.  Es versteht sich zum Sonderpreis für 1990.- Deutsche Mark. Natürlich hütete ich diese Luxusgitarre wie meinen Augapfel.  Aber wie bei einem Neuwagen – irgendwann einmal ist die erste Macke fällig. Das gute Teil fiel um und ein gut eine-Mark-großes Lackstück hatte sich in Luft ausgelöst. Ich war über diesen Makel verzweifelt und beschloss sofort das Musikhaus Wittstadt für eine professionelle  Reparatur aufzusuchen.

1980 im Übungsraum

Heute würde ich es als Personal-„Aging“ gelassen sehen. Also mit dem imposanten Hartschalenkoffer rein ins Auersche Reich. Frau Seuberth mein Leid geklagt: ” Chef wird gleich kommen”.

Und er kam wie üblich schon reichlich angefressen. Problem geschildert. Er schnappt sich die Gitarre schwuppdiwupp und ab geht´s ins Kämmerchen, in dem es eine Art Werkbank gab.  „Hammer gleich“, so der Meister. Ich stand nebenbei und war erfreut, dass er die Reparatur gleich selbst in die Hand nehmen würde. Schon lag meine “schwarze Lady” auf dem „Operationstisch“. Der Meister schaute sich um und verschwand sogleich wieder Richtung Verkaufsraum. Bewaffnet mit einem fetten schwarzen Eddingstift kam er zurück. Kappe runter und in Windeseile war die Macke übermalt. Ich war platt. Es war wohl der Stift mit dem auch die Sonderpreisschilder geschrieben wurden. Er drückte mir jetzt strahlend die reparierte Gitarre in die Hand und verschwand, während ich noch um Fassung rang. Erfindungsreich war er schon, der Herr Auer. Später fiel mir die Gitarre nämlich noch mal um, dabei brach der Pickup-Selektor ab. Auer sah sich den Schaden an, beauftragte, soweit ich noch weiß einen Mitarbeiter. Jener bohrte in den übrig geblieben Stumpf ein winziges Loch und setzte einen kurzen Drahtstift ein und klebte eine neue Selektor-Kappe drauf – fertig. Und die Reparatur kostete nix. Gott sei Auers Seele gnädig. Heute würde man den Schalter wohl ausbauen. Das war gelebte Nachhaltigkeit. Im Übrigen bessere ich noch heute kleine Lackmacken bei meinem schwarzen Babybenz mit dem Eddingstift aus. 🙂 🙂 🙂

Mit “Auer”- Cimar – Gitarre

Weitere Geschichtlein werden folgen!!!

Fortsetzung: Szenen aus dem richtigen Leben – Soundexplosion im Musikhaus Wittstadt

Episode 1 Der Marlboro-Verstärker ist defekt.

Bei Lolita´s Blue Band spielten Peter Schäbler und ich jeweils diese „formidablen“ Marlboro-VerstärkerG 40 R mit 40 Watt und Quadra-Sound-Blender für einfache Tremolo- und Echoeffekte. Ich hatte meinen schon vor geraumer Zeit beim Deußer im Austausch gegen einen defekten Guyatone-Röhernamp gekauft. Peter erstand seinen beim Wittstadt, natürlich zum Sonderpreis (siehe auch Biografie „Probentermine auf Kaltenhof“).

Bei irgendeiner Probe auf Kaltenhof  fiel Peter auf, dass der Verstärker schepperte,  wenn man ihn anstieß oder bewegte. Peter, pedantisch und äußerst pingelig was gekaufte Sachen anging (verständlich, denn die Teile waren durch Jobs hart erarbeitet!), meinte, es handele sich doch um einen nicht unerheblichen Defekt an dem Gerät, für den der Auer gefälligst gerade zu stehen und zu haften habe. Er bat mich also, ihn samt Verstärker zum Wittstadt zu kutschieren. Gesagt, getan. In der Reisgrubengasse, da wo früher ein Bordell war, geparkt, die Stufen hoch in die Kaiserstraße und den leichtgewichtigen Verstärker bei Frau Seuberth an der Kasse abgestellt.

Auf die Frage, was denn mit dem Verstärker sei, erklärte Peter wortreich den Defekt. Moment, hieß es von jener, das solle sich doch der Chef mal selbst anschauen. Es wäre gelogen, wenn wir uns auf das Aufeinandertreffen mit dem uns hinreichend bekannten Despoten gefreut hätten. Nach kurzer Zeit erschien jener auch , schon ziemlich im Gesicht gerötet, und bellte los, was mit dem Verstärker sei. Peter verlor sich wieder in vielfältigen Erklärungen und Beschreibungen des Fehlers bzw. Geräusches und legte die Quittung vor, um den Verstärker aus- oder umzutauschen. Auer faselte was von Sonderpreis. Peter gab nicht nach. Also zu dritt ab in das hintere Kämmerlein, wo all die Verstärker standen und die vielen Gitarren an der Wand hingen. Er holte das Verstärkerstromkabel aus dem Verstärkergehäuse und mit sichtlich erhöhten Blutdruck verband er dieses mit der Mehrfachsteckdose. Klinkenkabel in den Eingang: Verstärker geht und man hört  nichts. Für Auer schien nun alles erledigt. Doch Peter beharrte darauf, der Verstärker verursache ein komisches Geräusch, so ein „Psssccchc Pschh“. Peter demonstrierte dies an seinem Marlboro-Verstärker durch leichtes Bewegen am Gehäuse und tatsächlich ließ sich sogleich ein „Psssccchc Pschh“ vernehmen. Wenn ein spanischer Stier im Raum gewesen wäre, hätte er das nun tief blutrote Gesicht Auers auf seine Hörner genommen. Der explodierte förmlich und wurde laut, dass sei völlig normal, das sei die Hallspirale. Peter weigerte sich diese „Normalität“ gefechtlos hinzunehmen. Auer langte es und ging voll aufgeladen zur Demonstration über. Im Räumchen stand ein Röhren-Fender Twin mit 100 Watt,

Auer betätigte den On-Schalter und den Standby-Schalter, wartete schäumend neben der Vollröhrenkiste, das Volumen und alle Regler schnell aufgerissen, auf die Betriebstemperatur der Röhren, hob den Verstärker einseitig etwa 5cm hoch und ließ ihn auf den Boden knallen. – Uff – der Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben, die Gitarren an der Wand fingen wie von Geisterhand zu spielen an – die Ohren klingelten – nach dem Abebben der phänomenal gigantischen Klangwolke kehrte für eine Minute eine gespenstische Ruhe ein. Auers Rot hielt an, er schäumte noch immer und fragte, ob wir´s gehört hätten. Er rauschte ab. Peter war bedient und wusste jetzt, dass sein Verstärker in Ordnung war. Und wir hatten im wahrsten Sinne erhört, dass jede Hallspirale „Psssccchc Pschh“ macht.

Fortsetzung folgt!!!!

Amüsante Würzburger Historie: Das Musikhaus Wittstadt in den 80er Jahren

Anfang der80er, bis zur Öffnung des Musik-Treffs in der Seinsheimstr. , war das Musikgeschäft „Wittstadt“die „Traumlocation“ für die Amateurmusiker. Geschäftsinhaber war damals Herr Auer, seinerseits meines Wissens auch Blasmusiker. Ihm zur Seite stand Frau Seubert(h), eine Art Geschäftsführerin und einige  Angestellten und Azubi-Knechte und Sklavinnen, die unter dem Choleriker und Despoten leiden durften. Das Geschäft war da, wo heute in der Kaiserstraße der Tamaris-Schuhladen zu finden ist. Der Unterschied zum Deußer-Musikhaus auf der Juliuspromenade bzw. später in der Karmelitenstraße war, dass bei Herrn Auer die damals angesagten Marken zu erstehen waren. Bei Deußer gab es vor allem deutsche Musikinstrumente wie Allsound oder Dynacord und vor allem die aus Asien stammenden Luxorgitarren, meist Nachbauten amerikanischer Modelle, aber auch unerschwingliche, weil überteuerte USA-Modelle und Marshall-Verstärker.

Luxor-Verstärker und Luxor “Black Beauty” Gibson-Nachbau

In der Kaiserstraße dagegen herrschte „Ibanez“ und das weitere Roland-Meinl-Sortiment aus Neustadt/ Aisch. Zudem gab es Maine-Verstärker, Fender und Gibson.

Cimar “Gibson L6”-Nachbau und Uli Michel spielte hier ne Luxor Les Paul Custom

Manchmal denke ich mir ,es müsste einen Auerischen Verbindungstunnel nach Neustadt gegeben haben, denn stets waren die neuesten Ibanezmodelle und die der Ablegerfirma Cimar erhältlich. Und alles zu extremen Sonderpreisen!!! Dieses Wort stand dann immer auf der Kaufquittung. Hintergrund: Es gab für ein solches Instrument eigentlich keine Reklamation. Quasi gekauft wie gesehen. Gleich zwei Meter hinter der Glastür rechts im Auerschen Reich prangte ein großes Farbfoto, bis heute unvergessen: Der Herr Auer im grauen Anzug mit Brille und neben ihm – die farbige SchlagzeuglegendeBilly Cobham. Da wurde man als Amateurmusiker ganz klein. Aufgenommen war dieses, so weit ich weiß, bei Meinl.

Dieses Musikhaus wäre eigentlich ein Eldorado für alle Musiker gewesen. Auch wenn es im hinteren Bereich, da wo die begehrten Instrumente hingen, sehr eng zuging. Aber man hat sich nicht getraut, lang zu verweilen. Hier an dieser Stelle meine subjektiven Eindrücke, warum dies so war:

Meine erste Gibson Les Paul Custom – gekauft 1980 bei Wittstadt – natürlich zum Sonderpreis! 🙂

Das Verkaufspersonal, die Knechte wurden angetrieben möglichst schnell eventuelle Käufe über die Bühne zu bringen. Langes Antesten unerwünscht. Die Lautstärke war herunterzufahren. Plötzlich auftretender grantelnder„Auerhahn“, der den Knechten die Leviten liest, sie lautstark tadelt , dann zu anderen Aufgaben wegschickt, da verging einem schnell das Antesten. So etwa muss es Adam und Eva gegangen sein, als sie aus dem Paradies vertrieben wurden. Hinzu kam oft noch ein starrer und drohender Blick von Frau Seuberth. Ich muss sagen, ich war davon ein bisschen ausgenommen, denn Frau Seubert(h) kaufte regelmäßig in der Semmelstraße ein.

Sonntags bin ich oft vorbei um die frisch dekorierten Schaufenster mit den Musikinstrumenten zu bestaunen. und die mit schwarzen und roten Eddingstiften beschriebenen weißen Kartons begierig zu lesen, die unter die Gitarrensaiten geschoben wurden: Sonderpreis statt…… nur……..

Zwei Erlebnisse sind mir nach all dieser Zeit in bester Erinnerung geblieben.  „Fortsetzung folgt“ – im Laufe der Woche!!!!

Allsound hatte der Laden auch, nicht nur Fa. Deußer. Da prangt das Firmenzeichen auf der Vorderseite.