Kurzgeschichte vom Untermain: Schulalltag in “Oustem” und Gestöhne aus der Nachbarwohnung

photo/markt

Nachdem ich meine Lehramtsanwärterzeit in Lohr am rostbraunen Nägelseeschulzentrum erfolgreich beendet hatte, sollte ich den Vorbereitungsdienst in Sennfeld antreten. Etwa eine Woche vor Schulbeginn kam jedoch in der Metzgerei ein Anruf des Schulamtes, dass ich nach Großostheim, also nach „Oustem“ (so wird´s von Einheimischen genannt!) versetzt würde. Schluck! Schock! Untermain! Verbannung! Großostheim etwa 90 km einfach von Würzburg entfernt und gerade noch Bayern. Mit dem R4 täglich dahin und zurück? Fiat Uno 75 i.e gekauft. Muss mir wohl auch eine Wohnung nehmen. Vor allem für die Winterszeit. Auf Vermittlung des Schulsekretariats hin, sah ich mir eine Wohnung im 3. Stock in der Hasselstraße in Ringheim an. Die Vermieterin redselig, erzählte, hessisch dialektgefärbt, so nebenbei alle bekannten Geheimnisse aus dem Lehrerkollegium.

Die Hauptschule Großostheims so um 1950

Endlich Freiheit. Als Lehrer zur Anstellung ohne den lästigen Seminarleiter. Ich übernahm als Klassenleiter eine  5. Jahrgangsstufe.  Die Kollegen waren nett und die Stimmung oft feuchtfröhlich. Am Untermain weiß man jeden Anlass zu feiern. Am Kirchweihtag war schulfrei. Die Schule war riesengroß, drei bis vierzügig. Problematisch waren die sogenannten „cit“ Klassen. „cit“ bedeutete nur mit italienischen Schülern. Es gab einige italienische Lehrkräfte, die in diesen Klassen  „Italienisch“ unterrichteten und sich natürlich super verständigen konnten. Die “Bambini” beherrschten durch die Bank kein Deutsch und waren eigentlich auch nicht gewillt mit deutschen Lehrkräften zu kommunizieren. Zudem hatte ich das Pech mit den lieben kleinen 5cit-Klässlern am Freitag in der 5. und 6. Stunde Kunsterziehung betreiben zu dürfen. Der reinste Spießrutenlauf. Die Rotzlöffel zogen alle Register, mir, dem armen LzA., die zwei letzten Stunden der Woche zur Hölle zu machen. Dass sie sich gegenseitig mit Wasserfarben bemalten und sich dabei mit den Borstenpinseln beinahe die Augen ausstachen, war noch das geringste Übel.

Da sitzen sie ganz brav, nur einer mit leichter Kriegsbemalung – photo1989/cmartin

Wie aus dem Nichts fingen die netten „ragazzi“ plötzlich an sich zu prügeln, sich auf dem Boden herumzuwälzen, sich gegenseitig zu beschimpfen und  zu bespucken. Zum Glück verstand ich nicht all die Schimpfwörter, die sie sich gegenseitig an den Kopf warfen. Flöhe sind leichter zu hüten! Also zwei Stunden pures Chaos, obwohl ich mir in der Vorbereitung große Mühe gab, abwechslungsreiche und kreative Themen und Arbeitsweisen anzubieten. Mitteilungen, Ermahnungen und Gespräche mithilfe der  italienischen Lehrer fruchteten  nur kurzzeitig. Durch raffinierte Ablenkung meinerseits, schafften es einige, sich über den Gruppenraum in das benachbarte,  zu dieser Zeit freie, Klassenzimmer zu schleichen, um dort verschiedene Fressalien wie Chips mitgehen zu lassen. Mangelnde Aufsichtspflicht!!!!

Es war mal wieder Freitag, 11.45 Uhr, als trotz Lärm ein lautes Klopfen zu vernehmen war. Einer meiner italienischen Freunde öffnete stürmisch die Tür: Schulrat S., Aschaffenburg-Land. Unvorhergesagter Schulratsbesuch. Oh Sch…. : Unterrichtsplaner, Lehrnachweis – Fehlanzeige. Schriftliche Unterrichtsvorbereitung – ja. Meine italienischen Freunde, die selbst durch den anwesenden Schulrat nur leicht eingebremst wurden, waren das Salz in der Suppe. Der Kelch ging an mir vorüber. Schulrat S. war dann zudem nicht mehr für mich zuständig, als ich ein Jahr später nach Würzburg zurückversetzt wurde. Allerdings begann ich noch zu Großostheims Zeiten mit dem Erlernen der italienischen Sprache an der Volkshochschule.

Mein Klassenzimmer in Großostheim. photocmartin1989

Im ersten Jahr wohnte ich also in Ringheim und man hatte mir als Newcomer einen “Super-Stundenplan” verpasst. Spät anfangen und spät am Nachmittag aufhören. An einem Tag musste ich erst um 11.20 Uhr mit dem Unterricht beginnen. Klasse. Wenn ich dann um 9 Uhr im Ringheimer Einkaufsmarkt war, habe ich im Umfeld oft die schwänzenden Schüler entdeckt, zudem wurden meine Einkäufe kritisch von Erziehungsberechtigten beäugt, wenn sie auf dem Band lagen.

Die grün-gelbe ausgestattete Dachgeschosswohnung in der Hasselstraße war äußerst hellhörig, meine Wohnungsnachbarn sexuell sehr aktiv. Man hätte fast die Uhr danach stellen können. Die Zeremonie, der Akt, wurde immer mit Musik eingeleitet. „Still Loving You“ von den Scorpions beispielsweise in Dauerschleife. Meistens plätscherte Wasser in die Badewanne. Dazu gesellten sich dann rhythmische Stöhngeräusche der Nachbarin, die dann zunächst wieder abebbten, um dann eine halbe Stunde später von neuem zu beginnen. Als Gegenmaßnahme ließ ich den Fernseher laut laufen. Nach dem ersten Winter pendelte ich dann sowieso jeden Tag hin und her. Im zweiten Jahr gab ich die Wohnung auf.

Gefeiert wurde gern in Großostheim. Hier die Geburt unserer Tochter Anna-Lena 1989.

Was schön war, dass sich mit Manfred H. ein zweiter LzA an der Schule eingefunden hatte. Abundzu fuhren wir im Winter zum Skifahren an den Engländer bei Hösbach. In der Mittagspause gingen wir regelmäßig zum Essen und tauschten uns über das Kollegium aus. Einmal waren wir beim Chinesen. Ich bestellte Schweinfleisch süß-sauer. Bei reger Unterhaltung rutschte ich mit der Gabel ab und kleckerte mir die weiße Hose mit roter Sauce unter der Gürtellinie voll. Absolut peinlich und unübersehbar an pikanter Stelle. Scheibenkleister. Ich hatte noch Werken zu unterrichten, schlich mich an den bereits wartenden Schülern vorbei und warf mir schnell eine Werkschürze über. Uff geschafft!

Am Freitag nach Schulschluss ging es sofort zum hinter der Schule geparkten Auto und wir jagten zur A3. Am Berg zum Spessart hängte Manfred mit seinem Ford Escort-Turbo-Diesel immer meinen Fiat Uno 75 ie ab. Das ärgerte mich. Einmal rief jemand aus der Nachbarschaft der Schule im Sekretariat an und teilte mit, dass ein Fiat mit Würzburger Kennzeichen hinter der Schule Unmengen von Öl verlöre. Es war meiner. Bin dann langsam nach Waldbüttelbrunn zum Fiat-Seuberth getuckert.

Das Kollegium aus Großostheim 1989

Eine Szene aus dem Lehrerzimmer ist mir noch besonders in Erinnerung geblieben. Wie bereits erwähnt waren an der Schule italienische Lehrer beschäftigt. In jeder Pause waren alle Tische des Lehrerzimmers mit ca. 30 Lehrkörpern voll besetzt. Blickrichtung aller war die Eingangstür zum Lehrerzimmer. Die öffnet sich und hereinkommt der großgewachsene, bebrillte und  Seitenscheitel rechts tragende Kollege namens Giovanni A. aus Italien, kratzt sich am Gemächt seiner engsitzenden Hose. Da ruft einer im trockenen südbayerischen Ton: „Nicht kratzen  – waschen Giovanni.“ Giovanni wurde mächtig rot. Wir lagen unter den Tischen.

Es war im Rückblick eine schöne Zeit in „Oustem“: die etwa einstündige Fahrt dorthin ließ einen über die bevorstehenden Stunden sinnieren, ich konnte richtig träumen.  Dann bei Stockstadt auf die B469, durch den Wald und dann war man ob des Schweinegüllengeruchs wach und in „Oustem“ am Dellweg angekommen. Im Unterschied zu Würzburg später war in den beiden Jahren in „Oustem“ der Gabentisch für den Lehrer am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien voll gedeckt: diverse Alkoholika wie Weinbrand, Süßigkeiten in verschiedenster Form, Käse, Hausmacher Wurst und geräucherter Bauchspeck. Einfach mehr Herz und Freude am Schenken.

Übrigens erlangte  „Oustem“ durch die TV-Serie „Mit Leib und Seele“ mit Günther Strack zu dieser Zeit bundesweite  Berühmtheit. In der Schule wurden auch einige Szenen gedreht. (Staffel 1/ Folge 5)

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