Orta- See – Hin und Zurück – eine Reiseerzählung Teil 1

Du, wie wär´s mit nem Kurzurlaub vor Pfingsten? Sarah saß über der morgendlichen Lektüre der Main Post. Sie mag es nicht dabei gestört zu werden. Was? Hallo Kurzurlaub vor Pfingsten, beharre ich. Wohin denn ? , gibt sie etwas mürrisch zurück. Ich suche für uns was Nettes bei „Spar Mit“ heraus.

Lass uns später darüber nachdenken, ich muss ja erst mal wegen der Apotheke schauen, weiß nicht, wie es mit einer eventuellen Vertretung übernächste Woche aussieht.

Mit der Kaffeetasse verzog ich mich in mein Arbeitszimmer verfolgt von Stanley, dem braunen Labrador, der sich sofort auf dem Perserteppich  niederlässt, um wenig später in seinen Verdauungsschlaf zu verfallen. Computer an und die „Spar Mit“- Webseite auf dem vergilbten Monitor aufrufen. Auf „Spar Mit“ kenne ich mich aus. Meine Lieblingsurlaubsplattform, ob Schwarzwald, Ostsee, Erzgebirge, Österreich, Schweiz, Kroatien oder Italien. 10 % Treuebonus gibt´s für mich Vielbucher. Da guckt Sarah mit „Troublezoo“ in die Röhre. Also mal schauen. Thema wählen: Städte, Meer, Berge und Seen. Berge und Seen jawohl. Tirol, Vorarlberg, Zell am See….. Ich blättere in den Angeboten. Österreich, die Preise haben angezogen. Oberitalienische Seen vielleicht. Alles ausgebucht, ja nach der Pandemie ist der Run groß. Gardasee kann man vergessen. Selbiges für Comer See. Ameno am Ortasee! Kennen wir. Das Angebot klingt nicht schlecht. Warum nicht eine Wiederholungstat? Dolce Vita mit Sarah genießen. Fünf Übernachtungen in grüner Umgebung, Halbpension – drei-gängiges Abendmenü, kostenloser Parkplatz für schlappe 257.- € pro Nase. Vier-Jahre-alte Erinnerungen werden wach, Abendessen auf der Terrasse mit herrlichem Blick auf den rosanen schneebedeckten Viertausender Monterosa.

Beim Mittagessen frage ich Sarah, ob ich nicht buchen soll. Wäre ja wohl günstig und dass wir wieder mal raus müssten. Nach all dem Corona. Es bedarf keiner weiteren Überredung. Mit ihrem roten Cabrio in den Süden, das zieht. Hoffentlich geht´s Verdeck auch wirklich auf. Mal vorher ausprobieren. Also buch´ mal. Endlich am frühen Abend kommt die Buchungsbestätigung vom Hotel. Ich freue mich. Am liebsten würde ich sofort die Koffer vom Dachboden herunterholen und packen.

Die folgende Woche vergeht extrem langsam. Während Sarah in der Apotheke Vollbeschäftigung hat, quält mich die Langeweile. Mir fehlt die Energie irgendwas zu tun. Ich denke nur noch an Ameno. Checke permanent die Wetterapp wie es nächste Woche im Piemont aussehen wird. Was? Kälter als in Würzburg und Regen. Absolute Verschwiegenheit gegenüber Sarah. Sonst kommt das Unweigerliche „da können wir doch dableiben“ oder „willst du nicht stornieren“. Naja noch zwei Tage bis zur Abreise. Samstagswettercheck, Wetter sieht gar nicht mehr so schlecht aus. Samstagnachmittag Koffer gepackt. Ich habe den großen Rucksack mit meinem Allernötigsten gefüllt. Willst du den wirklich mitnehmen, langt nicht der kleine Rote, fragt Sarah jedes Mal. Was muss das muss: zwei Tafeln Schokolode, Weingummi, Kekse, Erdnuss-Flips, Karl-May-Schmöker „Kapitän Kaiman“, drei Norma-Lesebrillen, Ipod mit allen meiner Lieblingsalben, Kopfhörer (Sarah mag es nicht meine Musik zu hören, vor allem sie hasst Gary Moore!), USB-Ladekabel in mehrfacher Ausführung, Sonnenbrille und—creme, Original-Cherokee-Schildkappe, Kompass, ein Schweizer Messer und ein französisches klappbares Opinel.

Tageslicht stiehlt sich durch die Rollo-Ritzen. Endlich Sonntagmorgen. Ich bin schon seit 5 Uhr wach und kann nicht mehr schlafen und könnte zum Weckruf ansetzen: Sarah schlummert immer noch, dreht sich auf die andere Seite, Hoffnung keimt kurzzeitig auf und im gleichen Moment ratzt sie einfach weiter. Ich produziere diverse Geräusche, schaue dauernd auf den Wecker, stelle ihn lautstark auf das Holzboard zurück. Nix tut sich. Fast lautloses Atmen. Ich warte und warte. Raus aus den Federn. Ich geh mit Stanley Gassi. Der ist seit gestern beleidigt, denn, sobald er sieht, dass Koffer geholt werden, weiß er, dass Herrchen und Frauchen für ein paar Tage verschwinden und er von unserem Bekannten und Hundefreund Fritz versorgt wird. Frühstückstisch gedeckt. Sarah setzt sich schlaftrunken an selbigen. Sie lässt sich Zeit, liest auch noch die Sonntagszeitung. Wir wollen doch spätestens um 9 Uhr los. Die Fahrtroute habe ich schon seit Tagen auf dem Handy gespeichert und die Offline-Karte heruntergeladen. Herrje. Die Zeit drängt mich. Koffer Schuhtasche ( ich zwei Paar, sie 6 Paar) und den Rucksack mit Tee, belegten Brötchen und polnischen Würsten vervollständigt alles im Kofferraum verladen.

Blick ins Badezimmer, beide Spiegel aufgeklappt, das heißt man schminkt und kämmt sich, das kann dauern. Du hast noch Zahnpasta in den Mundwinkeln, Waschfleck her. Schn ist mein Mund abgewischt. Alle Türen und Fenster kontrollieren. Geldbeutel, Führerschein, Autoschlüssel…. Endabnahme. Stanleys Leine mitsamt Hundekissen, Schüssel und seiner Verpflegung für Fritz vor der Haustür ablegen. Brav sein Stanley. Stanley verzieht sich nach dem Tätscheln in den Garten und lässt sich in der Morgensonne nieder. Endlich im Auto sitzend: Kreuzzeichen und „in Gottes Namen“- wie immer. Mein Handy hängt vom Magnet gehalten am Lüftungsschlitz in der Mittelkonsole. Die weibliche Stimme befiehlt: Richtung Westen. Wir setzen uns in Bewegung. Sarah fährt und ich bin der Navigator, der sie auf der Route hält.

Ich liebe es mit dieser Frau auf Ausfahrt zu gehen. Was wir zwei schon alles so erlebt haben. Keine Ausfahrt ohne Abenteuer. Die müssen wir zwei irgendwie anziehen. Während Sarah die ersten 50 km auf der A7 zurücklegt, kommt mir eines in den Sinn. Das bisher Gefährlichste, ja fast Tödliche hatten wir im April 2012 in dem kleinen Dorf Unsere Liebe Frau im Walde bei Meran. Eine Hand voll Gehöfte liegen etwa auf 1300 m. Wetter damals gut. Tags zuvor hatte es ca. 25 cm Neuschnee gegeben, geführte Schneeschuhwanderung und der Warnung des Bergführers vor Wanderungen in schneebedeckten Gebieten. Am folgenden Morgen war das Weiß  aber bereits von der kräftigen Aprilsonne aufgeleckt. Wir beschließen über den Felix Weiher zum 1812 m hohen Schönegg zu wandern. Die Sonne scheint zwar wunderbar, aber je höher wir kommen desto mehr Schnee begleitet uns. Wir folgen den Fußstapfen im Schnee zum Gipfelkreuz, tragen uns lachend im Gipfelbuch ein und folgen dem Wegweiser zum Gampenpass.

Immer weiter geht es durch den Schnee, dann undeutliche Spur und keine roten Wegmarkierungen mehr zu sehen. Wir suchen nach dem Weg – folgen falschen Fährten. Gehen zur letzten Markierung zurück, die Kräfte schwinden die Nerven liegen blank. Wir folgen Wegen, die keine sind und rutschen trotz Wanderschuhen auf dem Schnee und dem darunter liegenden Laub permanent aus und ab, klettern immer langsamer mit zunehmend nachlassenden Kräften wieder hoch. Schlagzeile in der Main Post: Paar aus Würzburg bei Meran tod aufgefunden. Wir horchen in die Stille. Kleidung klamm. Irgendwo Autoverkehr? Ein Hund bellt. Wir folgen der Richtung. Wir sind echt am Ende. Schließlich erreichen wir den Gampenpass und kommen um 17.30 Uhr völlig entkräftet im Hotel an.

Mein Blick fällt auf den Tacho. 90 km/h kommen mir heute wie 120 km vor. Der Tunnel kommt. Rotes Licht flammt blitzschnell auf. Wieso? Was? Geblitzt! Der Blick aufs Handy zeigt satte 130 km. Sarahs Tacho zeigt 70 km/h. Oh verdammt. Ab diesem Punkt gebe ich Sarah die momentane Geschwindigkeit an und warne bei entsprechender Tempo-Beschränkung. Sarah weiß nicht seit wann der Tacho fehl geht. Ich sehe schon den Briefkasten vor Strafmandaten überquellen und Sarahs Führerschein ist weg. MPU wegen notorischer Geschwindigkeitsübertretungen. Sarah lacht darüber. Du bist echt immer zu besorgt. Mal nicht den Teufel an die Wand.

Es geht gut voran, auf der Gegenfahrbahn weniger. Dauernd Stau und stockender Verkehr. Das Wetter wird besser je weiter wir in südlicher Richtung fahren. Durchs Allgäu geht´s, ich denke augenblicklich an „Krautkrapfe“. Empfehlenswert die Wirtschaft in Bad Grönenbach zum Kohlenschieber. Leider kommen wir da heute nicht vorbei. Ja  wir halten mal, wenn wir in Bregenz sind, meint Sarah. Austreten auf WC-Parkplatz.

Bregenz

In Hard kurz nach Bregenz halten wir dann und futtern unter einem Birnbaum Brötchen, Hartwürste und Äpfel. Trinke du auch mal, kommt immer ihre Aufforderung. Wir fahren nach Höchst wieder auf die Autobahn und  erstehen dann auf einem äußerst hässlichen Schweizer Rasthof eine Vignette, eine Schachtel sündteurer Lucky Strike und zwei Cornetto Lemon. Ab jetzt ist mein Gewissen beruhigt, nicht dass noch Schweizer Gendarmen uns zur Kasse bitten. Gemächlich geht es an Vaduz, Sagans und Chur vorbei. Bei den Namen denke ich an meine Jugendzeit, Skilaufen am Pizol, Davos, die Kurfürsten…. Überhaupt, wenn der Hinweis auf die Via Mala erscheint, entstehen Bilder von Heidi, Mario Adorf (der Böse im Via Mala – Drama) Bernhardiner mit Fässchen und Heinz Rühmann natürlich. „Es geschah am helllichten Tag“ – einer meiner Lieblingsfilme. Da kam mir die Schweiz so nah. Graubünden – der Steinbock auf dem Autokennzeichen, der zum Kindermörder „Schrott“ führt. Gert Fröbe genial als geknechteter Ehemann. Schokoigel. Das Wort so schön im Schweizer Dialekt. San Bernhardino Tunnel, Serpentinen. Auf der Gegenfahrbahn staut sich immer wieder der Verkehr. Die Armen tun mir leid. Das wird eine lange Heimfahrt. Sarah hofft, dass wir am kommenden Freitag nicht dasselbe erleben werden. Die Pfingstferien beginnen. Wir cruisen gemütlich so dahin. Italienische Machos mit dunklen Sonnenbrillen mustern beim Überholvorgang lächelnd die gut aussehende Cabrio-Fahrerin mit den blonden Haaren. Was will denn der Depp, der Aff`… so wenig schmeichelhaft sind Sarahs Kommentare, wenn die Kerle sich ewig Zeit zum Überholen lassen, um sich dann mit reduzierter Geschwindigkeit vor ihr rotes Cabrio zu setzen. Sofort in den Rückspiegel dann blicken, um die Reaktion der Fahrerin zu erhaschen.

Depp. Sarah gibt Gas und überholt. Wenig später same procedure –  Geplänkel. Sorazza, Lostallo, Gama, Crono, Roveredo. Italienische Schweiz. Wunderschön grün alles. Hier hat´s, schein es, die letzten Wochen kräftig geregnet. Tut dem Auge gut. Bellinzona. Herrliche Stadt mit der Festung. Lugano. Die Stadt am malerischen See. Tolle Ferienwohnung damals in den Neunzigern. Mit dem Fiat Tipo. Wanderungen Monte Bre. Morcote. Schokomuseum „Alprose“. Pralinen und Schokolade bis zum Abwinken. Giovanni unserem Mittleren war´s danach so schlecht. Unvergesslicher Urlaub.

Fortsetzung folgt!!!!

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